Was tut die Bundesregierung eigentlich, wenn sie Geld überhat? Diese Frage musste man sich seit 1969 nicht mehr stellen. 2014 aber hat der Bund erstmals seit 45 Jahren wieder einen Überschuss erwirtschaftet: 11,4 Milliarden Euro. Was geschieht mit dem Geld? Landet es in einem Tresor im Bundesfinanzministerium? Zahlt es Wolfgang Schäuble auf ein Konto bei der Deutschen Bank ein? Oder investiert die Regierung? Das Geld würde für einige Kitas, Straßen und Schulen reichen. Ein ZEIT-Kollege bemerkte auch, dass der Bahnhof in Wuppertal unbedingt erneuert werden müsse.

Anruf bei der Finanzagentur in Frankfurt. Sie verwaltet die deutschen Staatsschulden. Das kann man sich so vorstellen: Wenn der Finanzminister Geld braucht, verkauft die Finanzagentur Staatsanleihen an Investoren auf der ganzen Welt. Auf 1,15 Billionen Euro beläuft sich der Wert der ausstehenden, handelbaren Wertpapiere. Das ist der Schuldenberg des Bundes.

Staatsanleihen haben eine feste Laufzeit. 5 Jahre, 10 Jahre oder gar 30 Jahre. Danach muss das Geld den Gläubigern zurücküberwiesen werden. Weil also ständig irgendwelche Anleihen fällig werden, muss die Finanzagentur dauernd neue Anleihen ausgeben, um mit dem Geld die alten Anleger zu bedienen. Wenn der Finanzminister nun Geld übrig hat – gibt es dann keine neuen Anleihen mehr? Na ja, sagt die freundliche Pressesprecherin der Finanzagentur, so einfach und vor allem so schnell ginge das nicht.

Was geschieht dann mit dem Geld?

Anruf beim Finanzministerium. Wieder ein Pressesprecher. Wieder freundlich. Er erklärt, dass sich diese 11,4 Milliarden Euro nur "rechnerisch" ergäben. Das Geld sei längst ausgegeben. Zum Beispiel habe Deutschland vergangenes Jahr 4,4 Milliarden Euro in den europäischen Rettungsschirm einbezahlt. Da ein Teil dieses Rettungsschirms nun "rechnerisch" Deutschland gehöre, würde das in der deutschen Buchhaltung als Plus gewertet. Es gibt außerdem 105 Extra-Haushalte, bei denen der Bund Mitspracherechte hat, die aber eigenständige Haushalte sind. Beispiele dafür sind die Postbeamtenversorgungskasse oder die Rundfunk-Orchester und -Chöre GmbH Berlin. Über die Überschüsse in diesen Budgets kann der Staat aber nicht verfügen.

Je länger der Sprecher spricht, desto klarer wird: Es gibt die 11,4 Milliarden Euro nur auf dem Papier. Man kann sie gar nicht ausgeben. Aber was würde passieren, wenn es sie wirklich gäbe? Solches Geld flösse in einen Investitions- und Schuldentilgungsfonds, erklärt der Sprecher.Damit würden Schulden getilgt, die auf dem Höhepunkt der Finanzkrise aufgenommen wurden: etwa 18 Milliarden Euro für die Abwrackprämie und die energetische Gebäudesanierung.

Und wenn das zurückbezahlt ist? Der Sprecher macht eine Pause. Also für dieses Szenario gebe es noch kein Gesetz. Ernüchterung. Die Bundesregierung erklärt den Bürgern, sie wolle Schulden abbauen – wie das langfristig aussehen soll, weiß aber niemand. Man kann nur mutmaßen: Vielleicht würde Berlin das Geld nach Frankfurt überweisen, damit die Finanzagentur weniger neue Anleihen ausgeben muss. Anstatt Schulden abzubauen, könnte sie der Bahn auch eine Extra-Finanzspritze geben. Vielleicht repariert dann jemand den Bahnhof in Wuppertal.