Wintertags hängt dichter Nebel überm Gelben Fluss, und gelb ist hier gar nichts. Meine erste sinnliche Begegnung mit dem heiligen Strom ist denkbar nüchtern: Er atmet nicht. Er dünstet nichts aus. Er riecht nicht nach Tang oder Fisch oder alter Geschichte, sein Wasser schmeckt nach nichts. Man hört ihn nicht fließen, nicht schäumen, nicht gurgeln; und seine Farbe ist bräunlich-ocker. Traurig liegt er da, flach, zahm und um Stolz bemüht – ein 5.000 Kilometer langer Riesenstrom, der nördlich des tibetischen Hochlands entspringt und irgendwann in den Golf von Bohai mündet. Hier in Xinzheng, mitten in der Zentralprovinz Henan, ist er schon durchs halbe Riesenreich mäandert, über Ebenen, durch Schluchten. Und nun ist der große Augenblick gekommen, da dieser monumentale, in Mythen gekleidete Fluss am Denkmal des hochverehrten Gelben Kaisers vorbeidümpelt: Hier ist die Mitte der Mitte des Reichs der Mitte – geografisch in etwa, symbolisch zu hundert Prozent.

Aber auch hier und jetzt bin ich mit den Fragen, die mich aufbrechen ließen, noch keiner Antwort näher: Warum ist Gelb in China so eine wichtige Farbe? Weshalb hieß der berühmteste Herrscher des Landes Gelber Kaiser? Und wieso trägt der Mutterstrom aller Chinesen den Namen Huang He, Gelber Fluss? Um Bedeutung und Ursprung der Farbe zu erkunden, war ich nach Peking und von dort nach Xi’an geflogen. Von dort wollte ich ein paar Hundert Kilometer den mythischen Strom entlangfahren – wo möglich, direkt an seinen Ufern und vorbei an einigen der wichtigsten Kulturstätten Chinas.

Ich reise an, als der Schnee kommen soll, doch er kommt nicht. Seit vier Monaten kein Niederschlag; die Bauern sind, wie man hört, verzweifelt. In Xi’an treffe ich meine Begleiter, Herrn Li, Herrn Song und Herrn Wang: Yi Xing Wang ist der Chef aller Abteilungen für Internationale Beziehungen bei der Provinzregierung von Henan. Zhenyu Li ist Germanist, Reiseleiter und Übersetzer, Guoyong Song ein so wilder wie guter und immer hungriger Fahrer. Sie wollen mir das Gelbe am Fluss zeigen. Gemeinsam machen wir uns auf zum Tal von Hukou, 50 Kilometer östlich der Stadt Yichuan.

In ständig unterbelichteter Tagesdämmerung kurven wir dort eine asphaltierte Serpentinenstraße hinab. Die Hügel ringsum wirken wie verwitterte Lössburgen, hier und da mit tafelbergartigen Plateaus versehen. Aus steil abgestochenen Wänden zwirbelt das Wurzelwerk von Fichten, und schon von Weitem sieht man den trägen Strom zwischen Sandsteinbergkämme gebettet. Ein paar Schritte jenseits eines Parkplatzes steht ein mit Blumen geschmückter Esel, auf dessen Rücken chinesische Touristen in geliehener Folkloretracht für 2,50 Euro posieren, und hinterm gelangweilten Tier führt ein Fußweg zu einer Aussichtsplattform. Gischt spritzt auf, die Luft ist feucht. Unter uns verjüngt sich der Fluss felsbedingt von 30 auf 20, dann etwa 10 Meter Breite, und aufgebrachtes Wasser fällt in einen Schlund: Der Wasserfall Hukou, besagt die Legende, beherbergt die Seele des Gelben Flusses. Die Farbe da unten? Hühnerbrühig, schlammig, erdig, mit Nuancen von Steingrau, Hellbraun und Elfenbein.

Das Delta des Gelben Flusses, 1999

Als wäre ihr Dunst verwehender Rauch, zieht die Gischt eine ganze Weile flussabwärts. Treu ergeben folgen wir dem Strom und fahren weiter in die Provinz Henan, deren Name sinngemäß "südlich des Flusses" bedeutet. Mit etwa 95 Millionen Einwohnern ist sie die bevölkerungsreichste Provinz Chinas. Hier wurde das Papier erfunden, der Kompass, der Seismograf, die Nudel und noch so vieles mehr. Vor allem aber war die Provinz die Heimat des Gelben Kaisers.

Sanmenxia am nächsten Morgen. In der Hotellobby greifen Herr Li, Herr Wang und Herr Song zugleich nach meinem Koffer, sechs Hände lösen und blockieren sich, und all das führt zu nichts, aber die Aufregung ist verhältnismäßig groß. Gleich, scheint es, wird etwas passieren. Es passiert aber nichts Dramatisches, wir brechen nur auf – allerdings exakt um 8.30 Uhr. Minutiös den Zeitplan einzuhalten ist mindestens so wichtig, wie überhaupt hier zu sein.

Draußen ist es schwierig, zwischen Nebel und Smog zu unterscheiden, viele Fußgänger und Radfahrer tragen einen Mundschutz, und die Existenz der Sonne bleibt bis auf Weiteres Gerücht. Wir verlassen Sanmenxia, ein Dorf mit zwei Millionen Einwohnern, in dessen Nähe der wirkmächtige Philosoph Laotse gelebt haben soll und der indische Mönch Bodhidharma, Begründer des Zenbuddhismus, gestorben sein soll. Gelb ist hier außer den Streifen der Straßenmarkierung und dem Hintergrund des Straßenschilds "Langsam fahren" nichts. Herr Wang, Herr Li, Herr Song und ich kurven zum ersten Staudamm Chinas, der mit Mao Zedongs Segen zwischen 1959 und 1963 errichtet wurde. Der Damm trennt den Ober- vom Mittellauf und hat den überschwemmungseifrigen Gelben Fluss gezähmt. Seit über fünfzig Jahren ist der Huang He nun brav, bescheiden und berechenbar. Waren- oder Güterschiffe gibt es dennoch nicht, und kleinere Boote verkehren nur an ausgesuchten Stellen, an denen Bauern für Touristen Flussfahrten samt Übernachtung am Ufer anbieten. In der Regenzeit ist der Huang He für Schiffe zu reißend, in der Trockenzeit zu flach.

Am ruhmreichen Sanmenxia-Staudamm ist meine Verwirrung groß: Das Wasser glänzt grün, zwischenzeitlich fast weiß, hier und da siena. Glaubwürdiges Gelb aber ließ sich bisher am Gelben Fluss nirgendwo identifizieren. Auch das Marschland von Sanmenxia verlasse ich ratlos. Wir ziehen weiter nach Xinzheng zum Ahnenverehrungspark des Gelben Kaisers.

Wie die in den amerikanischen Mount Rushmore geschlagenen vier Präsidenten der USA thronen auf einem Hügel die beiden Steinköpfe der legendären Kaiser Huang und Yan – und ähneln ausgerechnet Marx und Engels. Mythischer geht es nicht, symbolischer auch nicht. In dieser Gegend soll vor 5.000 Jahren der Gelbe Kaiser am Fluss gelebt haben: ein Sippenführer, der ursprünglich Xuan Yuan hieß, den verfeindeten Sippenführer Yan bekämpfte und dreimal besiegte, ehe sich die beiden aus Einsicht die Hand zum Frieden reichten und China gründeten. So die Legende. Im 2005 errichteten Ahnenpark ist heute nicht nur das Denkmal des Gelben Kaisers zu finden – unterhalb einer Pagode sitzt auch seine Mutter, aus blendend weißem Marmor geschlagen, in ihrem Arm der kommende Herrscher als Baby. Die Mutter, soll das bedeuten, ist der Fluss und der Kaiser dessen Kind. Und da die Chinesen sich wiederum als Nachfahren des Gelben Kaisers verstehen, sind also auch sie Urenkel des Gelben Flusses. Der an dieser Stelle von einem kaum überzeugenden Braunbeige ist.