Es ist immer 11.30 Uhr im Himmel der Protestanten. Statt einer Kuppel krönt eine große Uhr das Innere der Fortkerk von Willemstad. Vielleicht ein Scherz des Architekten, der sie 1788 hier installierte: So konnte der Pfarrer nie sicher sein, warum die Gemeinde bei seiner Predigt flehend nach oben schaute. Nun aber stehen die Zeiger still; und was den Blick anzieht, ist die schmucklose Decke selbst. Nicht im üblichen Weiß ist sie gestrichen, sondern leuchtend blau.

Nun erstaunt so manches an der ältesten Kirche von Curaçao: die Kanonenkugel, die seit 1804 in der Außenmauer steckt. Oder die Zisterne in der Krypta, aus der man während diverser Belagerungen trank. Die Karibikinsel hat raue Zeiten erlebt; und als Teil der Festung blieb die Kirche nicht verschont. Heute ist die Fortkerk ein friedlicher Ort im Rummel der Hauptstadt. Kein Straßenlärm dringt durch die Mauern, nur das Rascheln der Palmwedel und manchmal das Geschnatter eines Sittichschwarms. Die Kronleuchter schwingen im Wind. Man setzt die Sonnenbrille ab und sieht hoch ins milde Licht. In Kirchen bedeutet doch alles etwas. Was also soll dieses Blau, das man vor Jahren zufällig fand, unter Schichten anderer Farbe?

Es steht für unseren Himmel, sagt die alte Frau, die die Besucher einlässt. Doch dafür ist es zu dunkel; es müsste ein Nachthimmel sein. Es steht für die alte Heimat, sagt der Prospekt, in diesem Ton hätten die Friesen ihre Häuser bemalt. Es steht für nichts, sagen Historiker, es war einfach vorhanden: Indigo von hiesigen Farmen, günstig gewonnen in Zwangsarbeit.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 05.03.2015.

Die Wahrheit ist, dass es niemanden hier sonderlich interessiert. Blau, die große Sehnsuchtsfarbe – auf Curaçao muss man sich nicht danach sehnen, sie ist allgegenwärtig. Am Himmel natürlich und im Meer. Aber auch, quasi gespiegelt, überall auf dem Land. Auf den Rücken der heimischen Rennechsen. Den Flaggen, Trikots und Uniformen der seit fünf Jahren selbstregierten Minirepublik. Den Fassaden vieler Häuser in der Unesco-geschützten Altstadt. Grotten, Buchten, Strände, Kneipen führen das "blauw" im Namen. Gern schriebe man, eins dieser Blaus habe einen hergelockt, ans Ende der Karibik. Es war aber der Likör.

Blue Curaçao, ein Lieblingsgetränk der schrillen achtziger Jahre. An den Geschmack erinnert man sich nur vage. Es ist seine Farbe, die sich eingebrannt hat. Dieses übernatürliche Blau – woher mochte es stammen? Keine Pflanze unter der nördlichen Sonne bringt so einen Ton hervor. Wie Swimmingpoolwasser, wie geschmolzener Türkis, wie die fernen Gestade nicht ganz glaubhafter Reisegeschichten. Dieser Likör, das war Sehnsucht in Flaschen. Und wie soll Sehnsucht schon schmecken, wenn nicht bittersüß?

Da steht man nun also, auf einer Insel, die man bis dahin leichter auf Barkarten als auf Weltkarten gefunden hätte (es ist einer der kleinen Flecken nördlich von Venezuela). Und steht damit nicht allein. Jeden Tag spuckt ein anderes Kreuzfahrtschiff Hunderte von Touristen aus. Manche zerstreuen sich in der Mall am Pier, wo man Gouda oder Delfter Porzellan bekommt. Einen Hauptstrom aber zieht es quer durch die Stadt zum Landhuis Chobolobo, der selbsterklärten Heimat des "einzig wahren Curaçao von Curaçao".

Den Hausherrn wundert das wenig; er glaubt an die Zugkraft der Marke: "Die Leute lesen am Anleger 'Curaçao' und denken: Hier steig ich aus, hier gibt es doch diesen Likör!" John Bradshaw ist Produktionsleiter der Firma Senior, ein stämmiger Mann, der heute übel aussieht. Seine Hände sind von Pflastern bedeckt, auch das Gesicht ist voller Kratzer. Ist Schnapsbrennen so ein hartes Geschäft? "Nein, das war eine streunende Katze. Ich habe sie erst aus dem Haus bekommen, als ich eine Decke über sie warf."

Es gibt Leute, die nur für den Bourbon nach Kentucky fahren und dann bitter enttäuscht sind: nirgends alte Männer, die wie im Werbespot Whiskeyfässer rollen, nur eine schnöde Fabrik. Die wären im Landhuis besser aufgehoben. Es liegt zwar nicht auf dem Land, mehr im Gewerbegebiet, erfüllt sonst aber die Erwartung altmodischer Beschaulichkeit. Ein Gründerzeithof mit geschnitzten Fensterläden, dahinter sitzen sechs Frauen um einen Tisch. Ohne Eile kleben sie das Firmenetikett auf die Flaschen.

Tafeln ringsum erzählen die Erfolgsgeschichte, die mit einem Fehlschlag begann. Die spanischen Konquistadoren hatten auf Curaçao Nutzpflanzen ansiedeln wollen. Als das nichts eintrug, verloren sie rasch das Interesse an der "isla inútil". Am ärgsten missrieten ihnen die Valencia-Orangen, die auf der trockenen Erde zu Schrumpelbällen mutierten, den sogenannten Larahas. Bradshaw fischt aus seiner Tasche ein Stück der harten, braunen Schale. "Mal kosten?" Der Geschmack ist, freundlich gesagt, medizinisch. Doch der Duft, der aufsteigt, wenn sie zerbricht, verheißt etwas Besseres.

Über Jahrhunderte ließ man die Schwundfrucht am Baum verrotten, bis der Unternehmer Edgar Senior die Verschwendung nicht mehr ertrug. In langen Versuchsreihen erforschte er, was mit ihr anzufangen sei. Und brannte 1896 seinen ersten Bitterorangenlikör. "An das Rezept halten wir uns bis heute", sagt der Produktionsleiter. Die Schalen baden mit geheimen Gewürzen für drei Tage in Alkohol. Der wird destilliert und tüchtig gezuckert; das ist es auch schon beinah. Und woher kommt die blaue Farbe? Einer Legende nach löste sich in den ersten Jahren Patina aus dem Kupferkessel. Bradshaw stellt richtig: "Das ist Quatsch; da wären die Leute ja gestorben wie Kakerlaken. Nein, das war von Anfang an Lebensmittelfarbe, Brillantblau FCF heißt das Zeug." Er verkauft den Likör auch natürlich klar und in drei anderen Farben; doch an den Erfolg des Blue Curaçao kommt keine Abfüllung heran.

Die Kreuzfahrer sind mit der Führung durch und wenden sich dem praktischen Teil zu. Bradshaw weiß schon, was jetzt kommt: "Einer sagt immer: 'Nettes Museum, und wo ist eure Fabrik?' " Dies war aber schon die Fabrik, gerade groß genug für den heimischen Bedarf. Den Weltmarkt bedienen andere, vornehmlich von den Niederlanden aus. Edgar Senior hat seinen Likör nicht so brillant getauft, wie er ihn koloriert hat. Ortsnamen sind schwer zu schützen. Vielleicht ist das auch besser so. Sonst sähe es hier aus wie in Kentucky.

Eine trügerische Sehnsucht war das, die einen so weit hergelockt hat. Man kannte also von Curaçao nicht einmal den Likör. Und nun aus dem Probierbecher das blaue Wunder im Original. Donnerwetter, das hat Laraha! Schmeckt kräuteriger als das Zeug daheim in der Hausbar und bleibt nicht so künstlich im Mund. Aber gleich, im Werksverkauf, nimmt man doch nur die kleine Flasche.