Die Paten von Erzgebirge Aue – Seite 1

Helge Leonhardt ist es gewohnt, zu bekommen, was er haben will. Und wenn er dafür einen Weltstar des Fußballs überzeugen muss, dann tut er das. Wie neulich, als Leonhardt, der Präsident von Erzgebirge Aue, ein amerikanisches Talent verpflichten wollte. Da rief er einfach Jürgen Klinsmann an, den Trainer des US-Nationalteams.

Klinsmann, fand Leonhardt, könnte doch ein gutes Wort für Aue einlegen. Denn es braucht schon gute Argumente, damit ein 22-jähriger Profi, aufgewachsen in Kalifornien, freiwillig ins Erzgebirge zieht – nach Aue, in dieses 17.000-Einwohner-Städtchen südwestlich von Chemnitz. An diesen Flecken, der für manche im Westen der Republik einen Klang habe "wie ein Ort kurz vor Sibirien", wie selbst Helge Leonhardt sagt. Was geschah? Jürgen Klinsmann riet seinem Spieler tatsächlich, nach Aue zu wechseln. Seit Kurzem spielt Bobby Wood im Erzgebirge. Eine typische Leonhardt-Geschichte.

Erzgebirge Aue ist der erfolgreichste ostdeutsche Fußballverein der jüngeren Gegenwart. Er sitzt in einer Stadt, die viele Tagesschau-Zuschauer nicht einmal auf der Landkarte finden würden – und hält sich trotzdem seit Jahren in der Zweiten Liga. Er ist obendrein schuldenfrei. Der Erfolg dieses Clubs ist ganz wesentlich verbunden mit dem Erfolgswillen zweier schillernder Unternehmer: Helge und Uwe Leonhardt, 56 Jahre alt, eineiige Zwillinge. Helge, der um zehn Minuten Ältere, ist aktuell Präsident von Erzgebirge Aue; Uwe, der Jüngere, war es 17 Jahre lang. Sie haben, wie sie sagen, schon einen siebenstelligen Euro-Betrag in den "FCE" gesteckt.

Die beiden Männer treten auf wie Paten des Vereins: geben ihm Geld und geben die Richtung vor, dominieren ihn im Guten wie im Schlechten. Sie verkörpern ein Männerbild, wie es allenfalls im vorigen Jahrtausend modern war: übertrieben hart, übertrieben selbstbewusst; wie aus der Zeit gefallen. Tatsächlich aber waren sie ihrer Zeit oft ein Stück voraus. Viel schneller als andere haben sie begriffen, wie man sich als ostdeutscher Underdog behauptet.

Ihr Gespür fürs Geschäftliche bewiesen sie schon kurz nach dem Mauerfall. Es war eine eigentümliche Mischung aus Mut und Unverfrorenheit, die sie damals angetrieben haben muss: Helge, Jurist, und Uwe, Betriebswirt, gingen gemeinsam zu Volkswagen und verkündeten, sie wollten nun Autos verkaufen. Die beiden, die kaum eigenes Geld hatten, verlangten von der Bank einen Kredit über eine Million D-Mark. Sie bekamen ihn und eröffneten damit ihr erstes Autohaus auf dem Gelände eines alten Auer Bergbauschachtes.

Sie hatten den richtigen Riecher. Inzwischen beschäftigen die Leonhardts nach eigenen Angaben etwa 1.000 Mitarbeiter in mehreren Firmen, sie verkaufen Fahrzeuge von VW und Audi, außerdem Luxuskarossen von Bentley und Lamborghini. Als sie in den Neunzigern zusätzlich eine Maschinenbaufirma von der Treuhand übernehmen wollten und die Verhandlungen stockten, schickten sie kurzerhand ein Fax an den damaligen Bundeskanzler persönlich: "Sehr verehrter Herr Dr. Kohl, die o.g. Unternehmensgruppe wendet sich persönlich und vertrauensvoll an Sie, mit der Bitte, sofort in den vorliegenden Privatisierungsfall einzugreifen. (…) Ich erwarte vertrauensvoll eine Rückantwort. Wir sitzen alle in einem Boot. Mit freundlichem Gruß". Am Ende bekamen die Brüder auch hier, was sie wollten.

Die Geschichte ihres Aufstiegs als Unternehmer ist die einer Anmaßung: stets besonders potent aufzutreten. Für den Aufstieg ihres Vereins wählten die Leonhardts die gegenteilige Strategie: Erzgebirge Aue gaben sie das Image eines Außenseiters, der sich kleinmachte und dabei immer größer wurde. Was treibt sie an?

"Ich bin hier der Bestimmer", sagt Helge Leonhardt, der Ältere, als er die Stufen zum Trainingsplatz hinuntersteigt. "Ich sehe so aus wie Putin, sagen viele Leute, und ich weiß, was ich will. Ich weiß, was ich will." Er hat die Angewohnheit, Dinge doppelt zu sagen, die er besonders wichtig findet. Helge Leonhardt hat ein breites Kreuz, kleine Augen und kurze blonde Haare. Er trägt eine Uhr, die mehr kostet als ein Kleinwagen aus seinem Autohaus. Als Privatier liebt er den Luxus, als Vereinschef die Sparsamkeit. "Wir könnten hier den zweiten Teil von Good Bye, Lenin! drehen", sagt Leonhardt beim Rundgang durch das Stadion. Tatsächlich sehen die Umkleidekabinen aus, als würde sich hier der Nachwuchs aus der Kreisliga umziehen. Karge Bänke, auf den Tischen Wachsdecken; ansonsten: nichts. "Ich war voriges Jahr bei Dynamo Moskau", sagt Leonhardt. "Da war das Entspannungsbecken groß wie unsere ganze Kabine."

Seit Leonhardt im vergangenen Herbst Präsident von Erzgebirge Aue wurde, hat er die Possessivpronomen lieben gelernt. "Herrlich, meine Jungs", sagt er, als er Spieler entdeckt, die auf dem Trainingsplatz trainieren. "Herrlich." Nach dem Training laufen sie zu ihm, reichen ihm artig die Hand. An seinem Wohlwollen hängt ihr Schicksal. Unlängst trennte sich Leonhardt von gleich mehreren Spielern.

"Fehlinvestitionen", sagt er.

"Ich habe den Verein wie eine Firma geführt."

Das Sparkassen-Erzgebirgsstadion vor der 2. Bundesliga-Partie FC Erzgebirge Aue gegen SV Darmstadt 98 (Archiv) © Karina Hessland/​Bongarts/​Getty Images

Dieser Mann sieht sich als Krieger. Für ihn ist vieles "Krieg": Fußball ist Krieg, Marktwirtschaft ist Krieg, Marketing ist Krieg. Auf diese Weise führt er den Verein, so hat es auch sein Bruder Uwe getan. Über die Leonhardts redet kaum einer in Aue öffentlich. Ihnen sei vieles zu verdanken, heißt es, sie seien ehrgeizig, erfolgsbesessen – aber auch speziell. Sie duldeten keinen neben sich. Und doch beherrschen sie einen Sportverein, der vom Engagement der vielen lebt. Erzgebirge Aue ist schließlich nicht allein ein Werk der beiden Bosse, sondern vieler Persönlichkeiten der Region, vom Landrat bis zum Bäcker. Wieso aber fügen die sich immer wieder den Ansagen der Leonhardts?

Man muss Uwe, den Jüngeren, erlebt haben, um zu verstehen, warum er so lange Präsident des Clubs war – von 1992 bis 2009. Vor seiner Fabrik in Aue flattert neben der Deutschlandfahne die Familienflagge, deren Wappen der Großvater der Brüder entworfen hat. Es hängt vor jedem ihrer Autohäuser, an ihrem Schlosshotel im Erzgebirge, selbst am Wohnhaus. Der Weg zu Uwe Leonhardts Büro führt vorbei an Postern, die ihn samt Bruder und Söhnen zeigen.

Am Ende eines langen Gangs tritt er aus der Tür, in einen weißen Kittel gekleidet – als hätte er eben noch die Produktion von Blechverpackungsanlagen nebenan überwacht. "Es war immer mein Traum, Fabrikant zu werden", sagt Leonhardt. Er führt in einen Besprechungssaal, in dem das nächste Bild von ihm hängt. Diesmal ein Einzelporträt.

So eitel Leonhardt wirkt, so gewieft ist er: "Ich habe den Verein wie eine Firma geführt." Zunächst bestand der Chef darauf, dass der Club umbenannt wurde. Noch 1990 hieß er FC Wismut Aue, und vielen im Erzgebirge hätte es gut gefallen, wenn das so geblieben wäre. Wismut Aue war der Werksverein des größten Arbeitgebers der Region. Viele identifizierten sich mit der Wismut, obwohl das Staatsunternehmen Uranerz abbaute, das die Sowjetunion für ihre Atomraketen benutzte.

Leonhardt ging es darum, eine neue Marke zu schaffen. Er sah den Fußballverein als Mittel, um Werbung für die Region zu machen. Als der Club 1992 tatsächlich einen neuen Namen bekam, verkündete Leonhardt: "Es gibt den FC Bayern München, und es gibt jetzt den FC Erzgebirge Aue."

Allerdings: Der Münchner Spielort heißt Allianz-Arena; der in Aue Sparkassen-Erzgebirgsstadion. Natürlich hätte auch Leonhardt gern einen Großsponsor gehabt – zusätzlich zu den mittelständischen Förderern, die den Verein am Leben halten. Aber es fand sich keiner. Also wurde der Club fortan als Überlebenskünstler vermarktet. Die Spielergehälter sollen auf Drittliganiveau liegen.

Das Problem ist, dass Uwe Leonhardt irgendwann begann, sich von seinem Verein zu entfernen. Seine Ideen klangen nicht mehr kühn, sondern illusorisch. "2011 spielt Aue international", behauptete er 2006. "Ich wollte den Mitgliedern diese Vision geben", erklärt er heute. "Wenn du keinen Dampf machst als Anführer einer Organisation, erreichst du nichts." Die Fans fingen an, ihn als "Führer" zu bezeichnen. Im Stadion riefen sie: "Führer, Führer, Führer". Viele in Aue ärgerte das. Das Image einer rechtslastigen Fanszene, wie es sich in Dresden entwickelt hat, wollten sie keinesfalls verpasst bekommen. Als 2009 der Ärger über ihn zu groß wurde, gab Uwe Leonhardt seinen Posten als Präsident auf. Es schien, als sei die Zeit des mächtigen Clans vorbei. Die Leonhardts überwiesen dem Verein weniger Geld als in den Jahren davor – weil sie über dessen Verwendung nicht mehr mitbestimmen durften. Sie traten nicht so selbstlos auf, wie sie es von anderen Sponsoren lange erwartet hatten.

Im September 2014 stand Erzgebirge Aue dann plötzlich am Abgrund. Der Trainer war gefeuert worden, der Sportdirektor zurückgetreten, der neue Präsident ebenso. Nun wünschte sich der Aufsichtsrat wieder einen starken Mann an der Spitze: einen, der so war wie Uwe Leonhardt, nur unverbraucht. Die Wahl fiel auf Helge, den älteren Bruder. Es war die endgültige Anerkennung, dass es ohne die Leonhardts im Verein nicht ging.

Helge Leonhardt trat vor die Presse wie ein Feldherr. Die Sätze kurz und abgehackt, in den langen Pausen dazwischen sagte keiner ein Wort. Der neue Präsident ließ sich umfassende Freiheiten garantieren. Er wollte, dass ihm niemand hineinredet.

Sein Job ist heftig: Der Club muss Jahr für Jahr gegen den Abstieg und damit um seine Existenz kämpfen. Es gibt Vereine in der Zweiten Liga, die viel größer sind, die größere Stadien haben – und problemlos Großsponsoren finden. Auf dem Trikot des TSV 1860 München wirbt Volkswagen, bei Aue steht "Eibenstock Elektrowerkzeuge" auf der Brust. Kann man sich mit diesen Möglichkeiten überhaupt in der Zweiten Liga etablieren? Helge Leonhardt will den Club zum "Ausbildungsverein" machen, bei dem junge Talente aufspielen, die anderswo auf der Bank säßen. Sie müssen sich nur vor den Leonhardts bewähren. Wie schwer das ist, kann Tommy Stipic, 35, erzählen, der Mannschaftstrainer.

Die Leonhardts nahmen den gebürtigen Kroaten, als er sich im Herbst als Trainerkandidat vorstellte, in eine Art Kreuzverhör. "Sie führten mich in den Keller ihres Schlosses und befragten mich vier Stunden lang", erzählt Stipic. Sie erkundigten sich nach seiner Familie, hakten zu jeder Station seines Lebenslaufes nach, wollten wissen, wie viele Stunden er nachts schlafe.

Eine Fahrt mit Helge Leonhardt zum Schlosshotel Wolfsbrunn in Hartenstein, zehn Autominuten vor Aue. "Früher war es das Lustschloss eines Industriellen", erzählt Leonhardt. Er und sein Bruder ließen daraus ein Fünf-Sterne-Haus machen und genießen es offenbar, hier Geschäftskunden zu beeindrucken. Es gibt Räume wie den Blauen Salon, dessen Decke mit Blattgold überzogen ist. Leonhardt zeigt den Weg in den Keller, den er auch mit Stipic nahm. Er führt hinab in eine dunkle Bar, an deren Ende es noch einmal vier Stufen abwärts geht, hin zu einer Sitzecke aus Leder. "Hier ist unser Verhörraum", sagt Leonhardt der Ältere, und lacht laut auf.Die Methoden der Leonhardts mögen knallhart sein, Bewunderung ist ihnen sicher. "Ich verbeuge mich ganz tief vor Erzgebirge Aue", sagt Reiner Calmund, der einstige Manager von Bayer 04 Leverkusen. Viele ostdeutsche Traditionsvereine, sagt Calmund, hätten nach der Wende "ein Schweinegeld" kassiert und es trotzdem nicht geschafft, dauerhaft im bezahlten Fußball zu überleben. Calmund selbst rieb sich eine Zeit lang als "Berater" von Dynamo Dresden auf. "Aue ist an allen vorbeimarschiert. Die haben für ihre Region das perfekte Geschäftsmodell entwickelt."

Ein Geschäftsmodell, das im Wesentlichen von den Leonhardt-Brüdern erdacht wurde. Sie sind reich geworden mit ihren Firmen und bekannt mit ihrem Verein. Sie schafften es, eine einzigartige Symbiose einzugehen: Der Verein profitiert, weil die Leonhardt-Firmen ihn mitfinanzieren. Und die Leonhardt-Firmen profitieren, weil der Verein sie ins Gespräch bringt. Demnächst soll in Aue das Stadion umgebaut werden. Ein neues Nachwuchs-Leistungszentrum wird wahrscheinlich schon im Sommer fertig sein. "Wir werden jetzt überhaupt erst einmal bundesligareif", sagt Helge Leonhardt.

Der Weg vom Schlosshotel zurück zum Stadion führt unter einer Brücke hindurch, an die jemand den Slogan von Erzgebirge Aue gesprayt hat: "Willkommen im Schacht".

"Unsere Gegner müssen schon die Schnauze voll haben, wenn sie hier ankommen", sagt Helge Leonhardt. "Sie müssen die Schnauze voll haben."