Wenn die Wut in ihm aufzieht, fällt Marvin* das Denken schwer. Sie überfällt ihn wie ein Sommergewitter. Braut sich schnell zusammen und weicht nur allmählich. Wenn ihn jemand beim Fußballspiel foult, er sich im Schwimmbad den Zeh stößt oder ein Lehrer ihm das Heft wegnehmen will, gerät Marvin schon außer sich.

In den vergangenen 16 Jahren haben viele Menschen versucht, Marvins Raserei einzuhegen. Fachleute, die etwas von problematischen Jugendlichen verstehen. Zehn verschiedene Schulen hat Marvin besucht, wurde mal allein unterrichtet, dann wieder zusammen mit anderen in kleinen Gruppen. Im Anti-Gewalt-Training sollte er Strategien gegen seine Angriffslust und aggressiven Ausbrüche lernen. Ein Schuljahr verbrachte er im Jugendheim, zwei Jahre in einer heilpädagogischen Einrichtung. Sogar in der Psychiatrie hat er ein halbes Jahr gesessen. Geholfen hat nichts.

"Verhaltensauffällig" nennt man Jungs wie Marvin: Nach einer Studie des Robert-Koch-Instituts zeigen in Deutschland 17 Prozent aller Kinder und Jugendlichen Normabweichungen im Verhalten. Neuerdings benutzt die Wissenschaft allerdings lieber den Begriff "herausforderndes Verhalten". Auch, um junge Menschen wie Marvin nicht von vornherein zu stigmatisieren. Kinder und Jugendliche wie er fordern die Eltern, die Lehrer, die ganze Gesellschaft heraus, denn sie spielen nicht mehr mit. Schwänzen die Schule, klauen im Supermarkt, schlagen um sich. Finden schließlich keinen Job, werden straffällig und landen schlimmstenfalls im Knast. Was soll man tun? Sie aufgeben?

Jugendliche wie Marvin aufzugeben ist riskant, denn ihr Verhalten wird im Erwachsenenalter oft noch devianter und verursacht dem Staat langfristig erhebliche Kosten. Das Jahresbudget der deutschen Jugendhilfe wurde in den vergangenen zehn Jahren um ein volles Drittel auf 29 Milliarden Euro aufgestockt. Je früher es gelingt, außer Kontrolle geratene Kinder in geregelte Bahnen zurückzulenken, umso besser stehen ihre Chancen, stabil zu bleiben. Und umso kostengünstiger ist es für die Allgemeinheit.

Fast zwei Jahre lang habe ich Marvin immer wieder getroffen – in seiner Freizeit, in der Schule, mit seinen Freunden. Ich habe mit seiner Mutter gesprochen, seinen Lehrern, seinem Anti-Gewalttrainer und seinem Psychiater. Ich wollte wissen: Wie sind Jugendliche wie Marvin zurückzugewinnen?

Bei der Suche nach einem Protagonisten, der es zulässt, zwei Jahre lang von einer Reporterin begleitet zu werden, wende ich mich an das Regionale Bildungs- und Beratungszentrum (ReBBZ) in Hamburg-Billstedt. Es ist eine Art Schule für Schwänzer, Lernverweigerer oder Gewalttäter. Die Klassen sind sehr klein, manchmal haben hier zehn Kinder zwei Lehrer. Am Nachmittag kümmern sich Psychologen und Pädagogen um sie. Der Leiter heißt Thomas Juhl – Karohemd, Igelfrisur –, er ist es, der mir Marvin vorschlägt: "Marvin könnte Spaß daran haben, der erzählt gerne." Und: "Er ist schlau, bei ihm haben wir Hoffnung." Vielleicht, fährt er fort, könnte es Marvin auch motivieren, immer wieder eine Reporterin zu treffen.

Als ich Marvin kennenlerne, ist es ein grauer Morgen im Februar 2013, auf den Wegen bildet Schneematsch eine wässrige Pampe. Hochhäuser ragen wie Ausrufezeichen der Eintönigkeit in den Himmel. Hamburg-Billstedt – bloß zwölf U-Bahn-Minuten entfernt vom glitzernden Jungfernstieg. Und doch: eine andere Welt.

Marvin ist müde. Die erste Unterrichtsstunde hat gerade erst begonnen, aber er hat schon keine Lust mehr. Seine Augen sind gerötet, er hängt mehr auf dem Stuhl, als dass er sitzt. Marvin ist ein blasser kleiner Kerl mit kindlichen Gesichtszügen, einem blonden Flaum auf der Oberlippe und ersten Pickeln auf der Stirn. Er schiebt sich Waffelkekse in den Mund. Immer zwei gleichzeitig. In seinen Mundwinkeln klebt Schokolade, gefrühstückt hat er nicht. Er sagt, sein Wecker habe nicht geklingelt.

Vorne an der Tafel steht Kirsten Kukuk, eine rundliche Frau, mit warmen Augen, die sich, wenn sie wütend wird, zu Schießscharten verengen. Sie ist Marvins Lehrerin. Anfang des Jahres hat sie mit den Schülern über ihre Ziele gesprochen und alles in ihr Heft notiert. "Ich möchte den Hauptschulabschluss machen!", hat Marvin Frau Kukuk diktiert. Er hat den Satz unterschrieben. Bis dahin sind es noch anderthalb Jahre. Kirsten Kukuk wiegt den Kopf. Sie ist froh, wenn Marvin das Jahr durchhält, also keine Stühle durch die Klasse schmeißt, keinen Lehrer angreift. "Marvin, einen Keks noch, dann reicht’s", sagt sie jetzt. Marvin hält ihr einen Keks hin. An den Fingern Schokolade: "Auch einen?" Dann seufzt er so tief, als wäre er lieber ein anderer, ein zweiter Marvin. Als habe er es satt, das ewige Trial-and-Error seines Lebens.

"Maßnahmenkarrieren" nennen Pädagogen Biografien wie die von Marvin. Polizei, Jugendamt, Jugendgerichte und die Psychologen wirken auf das Kind. Ob letztlich mit Erfolg, hängt – wie immer im Leben – von einzelnen Personen ab. Das Hin- und Herreichen der Kinder zwischen den Verantwortlichen macht die Sache nicht besser. Der Staat möchte den Kindern geben, was sie in ihren Familien nicht bekommen: Kontinuität, Verlässlichkeit, Berechenbarkeit – doch mitunter geht genau das im Durcheinander der Zuständigkeiten verloren.

Miriam Böll* ist 29 Jahre alt, als sie Marvin zur Welt bringt. "Ein Wunschkind", wird sie in den Gesprächen mit mir nicht müde zu betonen. Vor der Geburt hat sie als Altenpflegerin gearbeitet, doch als Marvin da ist, bleibt sie zu Hause. Sie wollte ihm, sagt sie, all ihre Liebe und Zeit schenken. Marvins Vater hat die Familie schon vor der Geburt verlassen. Er trinkt, will damit aufhören, schafft es nicht. Eines Nachts, Miriam ist mit Marvin hochschwanger, kommt es zur finalen Auseinandersetzung. Er ist volltrunken, wirft Stühle um, versucht Miriam zu schlagen. Da packt sie die Angst – um sich und das Ungeborene. Noch am frühen Morgen flieht sie zu ihren Eltern. Später findet sie eine Einzimmerwohnung im Norden Hamburgs. Wie gut ihr das Muttersein in den eigenen vier Wänden gelungen ist, weiß keiner, doch bereits als Marvin in den Kindergarten geht, wird das Jugendamt aufmerksam. Marvin beißt andere Kinder und tritt die Erzieher.