Es ist schon bemerkenswert, wer sich nun Sorgen um Europa macht und um den Euro. Sogar der sogenannte Star-Investor George Soros laichte ein ganzes Buch ab in den Diskurs um den möglichen Untergang der europäischen Währung, der, so das implizite Argument, zwangsläufig einhergehen würde mit dem Bruch Europas. Das ist insofern bemerkenswert, als dass der Amerikaner Soros ein Vermögen damit machte, gegen das britische Pfund und seine Bindung an das Europäische Währungssystem zu wetten. Heute fordert der Milliardär von Deutschlands Regierung, den Euro zu retten und Griechenland Schulden zu erlassen. In Interviews sagt er dann Sätze wie diesen: "Es könnte einen Aufstand in den verschuldeten Staaten geben, welcher die gesamte Europäische Union zerstören würde."

Bemerkenswert ist nicht allein der moralische Furor, mit dem Soros wie zahlreiche einflussreiche amerikanische Ökonomen in Hirtenbriefen an die internationalen Finanzmärkte die deutsche Regierung ob ihres Verhaltens in der Euro-Krise geißeln. Bemerkenswert ist auch das Junktim zwischen Europäischer Union und der gemeinsamen Währung, als habe der Staatenbund nach dem Zweiten Weltkrieg sonst nichts zustande gebracht. In Weltgeschichtsmaßstäben gerechnet, herrscht einen Wimpernschlag lang nach dem Zweiten Weltkrieg Frieden auf dem Kontinent, es gibt keine Zölle und keine Grenzen mehr, es gibt ein gemeinsames Parlament und eine harmonisierte Rechtsprechung – und noch gibt es eine gemeinsame Währung. Dass ein Ende des gemeinsamen Geldes gleichsam das Ende des europäischen Projektes und gar des Friedens bedeuten muss, macht sich da aus wie alarmistischer Unsinn.

Das heißt: Es war Unsinn, bis die Herren der Finanzmärkte die Regeln und die Sprache monopolisiert haben, in denen der europäische Diskurs stattfindet. Die aus ökonomischen Theorien gespeiste Debatte um die Rettung des Euro hat es nämlich geschafft, die Begriffe, mit denen wir über die Zukunft Europas sprechen, streiten und träumen, ganz für sich einzunehmen. Als noch Muße war zum Denken ohne ständig auslaufende Rettungsprogramme, war in solchen Zeiten die Stunde der Ideologiekritik. Doch für eine Kritik der Maßstäbe, nach denen wir politische Prozesse und Inhalte bewerten, ist im andauernden Krisenzustand keine Zeit. Der herrschaftsfreie Diskurs ist Vergangenheit. Es regiert: der alternativlose Sachzwang.

In einer Regierungserklärung sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel allen Ernstes einmal: "Scheitert der Euro, dann scheitert Europa." Als ob es undenkbar wäre, dass die anderen europäischen Staaten Griechenland auch finanziell unterstützen könnten, wenn es nicht mehr Mitglied des Euro wäre! Als ob Griechenland sich dann gleich Russland und China an den Hals werfen müsste (oder gar wollte!) und nicht genug andere Bande existierten außer einer Währung, die den Kontinent zusammenhalten! Die Hoffnung darauf ist nicht allein einer gemeinsamen Kulturgeschichte geschuldet. Es ist auch im realpolitischen Interesse der EU, Griechenland nicht zu verlieren. Das lässt sich aber auch ohne Euro bewerkstelligen, vielleicht sogar entspannter, als das im Währungs -Mikado möglich ist, in dem jede politische Bewegung den Finanzmarktkollaps bewirken kann.

Natürlich ist Angela Merkel gefangen in Sprechverboten und Paradoxien der Führung. Sobald sie nur laut über die Möglichkeit einer Verkleinerung der Währungsunion nachdenkt, werden Spekulanten gegen den Euro wetten und ihn so weiter schwächen. Doch diese Sprechverbote führen ironischerweise dazu, dass es keine politischen Entwürfe für eine Welt ohne Euro gibt, die diesen Druck lindern könnten.

Da fragt man sich doch: Geht’s noch? Und wie konnte es so weit kommen?

Es sieht so aus, als habe im Zuge der Euro-Rettung ein der Europäischen Union eigenes Führungsprinzip schleichend den Gestaltungsanspruch der politischen Führer verschluckt. Diesem Prinzip liegt ein Prozess zugrunde, der Macht durch Konsens einhegt und in der Krise einem konservativen Impuls folgt: das Bestehende zu bewahren. Die einschlägige Literatur nennt dieses oftmals mit Bestrafung und Belohnung verbundene Politik-Management innerhalb der etablierten Organisationskultur transaktionale Führung. So eine Führung durch Sitzungsmarathons ist zwar nicht schön anzusehen, aber mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat der politisch-bürokratische Komplex der Europäischen Union mit ihr auf kunstvolle Art Interessen der Regierungen balanciert und in Entscheidungen übersetzt.

In der Krise um den Euro griffen die Entscheidungsträger auf den Rat der technokratischen Rechenkünstler aus den Wirtschaftswissenschaften zurück, um zu tun, was sie immer taten: das Erreichte zu schützen. In diesem Falle: den Euro zu retten. Irgendwann während all der Rettungsnächte hat das Modell der Währungsökonomen dann offenbar das politische Denken über Europa vereinnahmt und den Euro und die Europäische Union als Schicksalsgemeinschaft intellektuell erst geschaffen. Jeder neue Rettungsschirm, jede neue aus ökonomischer Logik erfolgte Entscheidung zur Rettung der Währung hat die Ökonomisierung der Debatte bis hinein in die Begriffe, mit denen wir über Europas Zukunft sprechen, verfestigt und verengt. Auf einmal hieß es: "Scheitert der Euro, dann scheitert Europa."

Ironischerweise stellt ausgerechnet ein Mann mit einem gänzlich anderen Führungsverständnis als dem der EU nun das System infrage. Der neue griechische Premierminister Alexis Tsipras tritt an mit einem transformationalen Versprechen. Diese Art der Führung ist das Lehrbuch-Gegenteil zur transaktionalen Führung der EU. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie agiert statt reagiert, dass sie neue Ideen und kulturellen Wandel verspricht, an Ideale und Moral appelliert und Gruppeninteressen auf Kosten anderer durchsetzen will. Es ist eine Führung durch Träume statt durch im Sitzungsmarathon wund gesessene Hintern.

Die EU darf ihr Führungsmodell in diesem Konflikt nicht aufgeben. Politik in der globalisierten Welt ist unendlich komplex, sie lässt sich kaum mehr anders beherrschen als durch Aushandlung und Expertentum. Der Erfolg gibt dem Modell auch recht. Trotz der Krise in Europa, die zweifelsfrei zu Leid führt, geht es den Menschen auf dem Kontinent so gut wie kaum jemals zuvor. (Wer immer die Sparprogramme im Zuge der Euro-Krise wie der neue griechische Premier mit einem "sozialen Holocaust" vergleicht, sollte sich schnell das Hemd in die Hose stecken und sich dann in der Ecke schämen.)