Ferdinand Dudenhöffer weiß vermutlich mehr über die Autoindustrie als sonst ein Mensch auf der Welt. Jederzeit kann er die globale Exportstrategie von Porsche zerpflücken, die Zukunftschancen von Elektrofahrzeugen analysieren oder einfach nur abschätzen, welche Duftbäumchen sich die Deutschen im nächsten Jahr an die Rückspiegel hängen werden. Dudenhöffer kann das. Dudenhöffer weiß das.

Den Mann als Automobilexperten zu beschreiben greift allerdings zu kurz. Experte nennt sich in dieser Branche traditionell jeder, der mal ein Fahrsicherheitstraining absolviert hat. Streng genommen ist Dudenhöffer ja auch nur ein Professor aus Duisburg. Dort lehrt er Betriebs- und Automobilwirtschaft und leitet das Center Automotive Research, kurz CAR. Eigentlich aber ist der 63-Jährige Polarisierer, Agitator, Voranprescher, Ideengeber und häufig auch Nervensäge für Deutschlands wichtigste Industrie. Genau das macht ihn unentbehrlich.

Niemand sonst äußert sich öffentlich so oft und pointiert zu Themen mit vier Rädern, auch die ZEIT zitiert ihn regelmäßig. Wenn in dieser Woche der Genfer Automobilsalon beginnt, wird man wieder viel von Dudenhöffer hören. Gemessen an der Zahl seiner Auftritte in den Medien, ist er bedeutender als die drei nächstwichtigsten Auto-Fachleute zusammen, hat ein Fahrzeugbauer ermittelt. Angst vor dem Konflikt kennt Dudenhöffer nicht: Er hat Opels Probleme prognostiziert, früh den ADAC begraben und lässt am Wolfsburger VW-Konzern nur selten eine gute Zündkerze. Dabei nimmt er Autos nie allzu ernst, obwohl sie hierzulande genau das sind: eine todernste Angelegenheit.

Erstrebenswert sei eine Mobilität ohne Nachteile, sagt der Professor. Emissions- und unfallfrei müsse sie sein und den Fahrer als Passagier betrachten. Letzteres wäre allerdings eine Revolution im Fahrzeugparadies Deutschland, einem der letzten Länder ohne generelles Tempolimit. "Viele Autobauer haben noch nicht verstanden, dass das so kommen wird", sagt Dudenhöffer. "Die Zeit, dass das Auto ein Statussymbol war, ist vorbei. Ich brauche keine bestimmte Marke mehr, um meinen Nachbarn zu ärgern. Also muss ich dem Auto einen neuen Sinn geben, damit es am Markt bestehen kann. Und der neue Sinn heißt: dauerhaft verfügbare Mobilität und umfassende Nachhaltigkeit." Dazu gehöre auch, dass Autos künftig selbstständig fahren können.

Im Ruhrgebiet verhandelt Dudenhöffer seit mehr als einem Jahr über den Bau einer Teststrecke, um Prototypen von selbst fahrenden Autos testen zu können. In ein paar Jahrzehnten werde man nicht mehr diskutieren, ob Senioren ihren Führerschein abgeben sollten, glaubt er – weil Computer sie herumchauffieren oder unterstützen würden. Bis dahin aber müssten die Maschinen noch viel lernen. "Unter kontrollierten Bedingungen muss man auch mal besoffen Auto fahren, um ein Fahrsystem entwickeln zu können, dass die Fehler von Betrunkenen ausgleicht", sagt er. Man merkt, dass ihn die Pointe freut.

Wer hierzulande über die abnehmende Bedeutung von Automarken spricht, erntet zwangsläufig Widerstand und Kritik. Dudenhöffer hat viele Gegner.

So wollte ihn Opel 2008 verklagen, weil er das Wort Insolvenz aussprach – es blieb bei einer Drohung. Auch der ADAC schimpfte schon über Dudenhöffer. Vor einiger Zeit unterstellte der Autoclub ihm "falsches Spiel", hielt ihm Geschäfteklüngelei und "Missbrauch des Rettungshubschraubers" vor – mit dem nicht nur ADAC-Funktionäre, sondern auch Dudenhöffer selbst schon geflogen sei.

Kritik wie diese kontert der Professor professionell. "Wenn solche Vorwürfe durch Medienvertreter an einen herangetragen werden, hängen Sie ja schon am Fliegenfänger", sagt er, "da hilft es nur, mit jedem einzelnen zu reden." Und zu reden war nie sein Problem. Erreichbar ist er zu jedem Thema, notfalls auch um drei Uhr nachts. Selbst dann hat er druckreife Statements parat, was ihm den Spitznamen "Marcel Reich-Ranicki der Autobranche" einbrachte.

Volkswagen könne "sehr unangenehm werden", sagt der Auto-Fachmann

Dem ADAC ist Dudenhöffer in herzlicher Feindschaft verbunden, seit er den Automobilclub als "zu monopolisiert" brandmarkte. Vielleicht hat ihn der Verein auch deswegen im zurückliegenden Sommer zur Ice Bucket Challenge nominiert. Bei der sollte man Geld zur Bekämpfung einer Nervenkrankheit spenden oder sich einen Eimer mit Eiswasser über den Kopf schütten. Anschließend durfte man andere Kandidaten auffordern, das Gleiche zu tun.

Dudenhöffer spendete und nominierte seinerseits die Manager von Volkswagen, sich mit Eiswasser zu begießen. Der Wolfsburger Konzern ist neben dem ADAC sein zweiter großer Widersacher, wobei Dudenhöffer das nie sagen würde. Lieber drückt er es so aus: "Nun ja, die können sehr unangenehm werden."

Befragt man ihn zu den Ursprüngen seiner Hassliebe zu den Wolfsburgern, muss er lange nachdenken: Waren es die Studien, die er vor zehn Jahren veröffentlichte und in denen das Unternehmen nicht so gut wegkam, wie es das vielleicht erwartet hatte? Oder war es das Zitat über VW als "österreichisches Familienunternehmen", das er mit Blick auf den aus Wien stammenden Aufsichtsratschef und Strippenzieher Ferdinand Piëch in den Medien unterbrachte? Oder war es seine öffentliche Kritik an VW, den Golf mit Rabatten zu verkaufen? Er wisse es nicht genau. Aber, sagt er hörbar stolz: "Ich verstehe die schon, dass sie genervt von mir sind."

Spricht man Volkswagen auf Dudenhöffer an, setzt dort eine erstaunliche Betriebsamkeit ein, die aus vielen E-Mails, zahlreichen Telefonaten und Gesprächen mit verschiedensten Leuten und einem persönlichen Besuch besteht und schließlich damit endet, dass sich Volkswagen zum Thema Dudenhöffer nicht äußern möchte.

Klarer Wille zur Konfrontation und eine Rund-um-die-Uhr-Mentalität sind jedenfalls wesentliche Charaktereigenschaften des Autoexperten. Vielleicht hat er diese Neigung zur ubiquitären Bereitschaft von seiner Mutter gelernt, die in dem pfälzischen Dorf Herxheim einen Hut- und Sockenladen hatte, praktischerweise direkt neben der Kirche. Wenn am Sonntag Kirchgang war, bogen die Träger der löchrigsten Socken des Dorfes ab und tauschten noch vor Ende des Glockengeläuts Geld gegen anständige Kleidung. Das war ein gutes Geschäft, auch am Tag des Herrn. Wochentags und zu normalen Öffnungszeiten wurde eine transportable Schrankwand zur Seite gewuchtet, damit der Laden größer und komfortabler wurde. Mama Dudenhöffer war stets bereit, Raum und Zeit zu opfern, um ihren Kunden bestmöglich zu dienen.

Solche Eindrücke prägen einen Menschen vermutlich stärker als alles Nachdenken über die Dienstleistungsgesellschaft. Und vielleicht ist es deshalb auch so glaubwürdig, wenn Dudenhöffer sagt, er würde selbst Waschmaschinen mit Verve verkaufen. Denn das gewaltige automobile Fachwissen ist gar nicht der bedeutendste Teil seiner Persönlichkeit. Viel wichtiger ist die Verbindlichkeit. Seine Geduld, mit der er jederzeit und an jedem Ort Fragen beantwortet, mögen diese auch noch so naiv und abwegig sein.