Als kürzlich in Los Angeles die Oscars verliehen wurden, verbreitete sich über Twitter blitzschnell ein kurzer Film, der eine hemmungslos begeisterte Meryl Streep zeigte. Ihre Kollegin Patricia Arquette stand auf der Bühne und zog darüber her, dass Schauspielerinnen in Hollywood oft weniger verdienten als ihre männlichen Kollegen. Streep sprang auf und schleuderte ihren rechten Arm mit ausgestrecktem Zeigefinger in die Luft. Auch Jennifer Lopez blieb nicht auf ihrem Stuhl. Die Bilder gingen um die Welt und erinnerten das Massenpublikum an eines der wichtigsten Anliegen der Frauenpolitiker: gleicher Lohn für gleiche Arbeit, und zwar unabhängig vom Geschlecht.

In Deutschland will jetzt Frauenministerin Manuela Schwesig die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern per Gesetz verkleinern. Einige ihrer Ideen hat die SPD-Politikerin vergangene Woche in einem Gespräch mit Vertretern von Gewerkschaften und Arbeitgebern vorgetragen. Was bisher bekannt wurde, steht auch schon im Koalitionsvertrag und hat daher gute Chancen, tatsächlich von der Regierung umgesetzt zu werden. Unternehmen mit mindestens 500 Mitarbeitern müssen demnach in einem Bericht darstellen, wie es um die Bezahlung der Geschlechter in ihrem Unternehmen steht. Das soll den Beschäftigten helfen, die eigene Lage besser einzuschätzen und sich notfalls vor Gericht zu wehren. Die Arbeitnehmer sollen mit dem Gesetz einen Anspruch auf Informationen über das Gehaltsgefüge im Unternehmen bekommen – allerdings keine Auskünfte über konkrete einzelne Kollegen. Abgesehen davon werden die Betriebe "aufgefordert", so der Koalitionsvertrag, ungerechte Einkommensunterschiede zu verringern.

Die Regierung plant damit eine kleine Lösung für ein großes Problem. Der durchschnittliche Lohn pro geleisteter Arbeitsstunde liegt hierzulande für Männer knapp 22 Prozent über dem Durchschnittslohn für Frauen. Der Unterschied ist deutlich größer als beispielsweise in Großbritannien, Frankreich, Italien oder Belgien. "Jede zweite Frau in Deutschland wird bei der Bezahlung diskriminiert", schätzt Karin Tondorf, Soziologin und Beraterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

Die ungleiche Bezahlung gleicher Arbeitsleistung ist schon heute rechtswidrig. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz legt nicht nur das Prinzip "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit" fest, es schreibt auch vor, dass Arbeitgeber einen Beschäftigten besserstellen müssen, auch nachträglich, wenn er eine Diskriminierung nachweisen kann. Das gelingt allerdings nur selten. Außerdem kennen nur wenige Arbeitnehmer dieses Recht. Doch seit im vergangenen Sommer eine Frau aus einem Industriebetrieb vor Gericht erreichte, dass ihr Arbeitgeber rückwirkend den Lohnunterschied zu einem männlichen Kollegen nachzahlen musste und sie darüber hinaus eine Entschädigung für die Diskriminierung bekam, befürchten Arbeitgebervertreter eine Klagewelle. Die neuen Transparenzregeln würden diese Klagen erleichtern.

Fast noch mehr Sorgen als das neue Gesetz macht den Arbeitgebern eine öffentliche Debatte über Gehaltsunterschiede. Eine Zeit lang sah es nämlich so aus, als ließe sich die Kritik der Frauenverbände entkräften. Arbeitgebernahe Einrichtungen wie das Institut der deutschen Wirtschaft rechneten vor, dass der Einkommensunterschied zwischen den Geschlechtern schrumpfe, wenn einberechnet werde, dass Frauen häufiger in Teilzeit arbeiten und weniger Berufserfahrung mitbringen als Männer.

Experten wie die Soziologin Tondorf akzeptieren solche Rechnungen nicht. Es gehe nicht darum, die Lebensleistung oder Anstrengung von Männern und Frauen zu honorieren. Stattdessen müsse gleichwertige Arbeit gleich behandelt werden. "Wenn eine Akademikerin an der Kasse eines Kaufhauses sitzt, wird sie nicht für ihre Ausbildung, sondern für ihre aktuelle Tätigkeit bezahlt", sagt Tondorf. Dabei solle es bleiben.

Ein Teil des Unterschiedes in der Bezahlung von Männern und Frauen lässt sich darauf zurückführen, dass Frauen ihren Beruf oft nach der Geburt von Kindern hintanstellen oder schlechter bezahlte Berufe anstreben. Auch daran wollen Frauenpolitiker rütteln. Muss es eigentlich so sein, fragen sie, dass Pflege und Erziehung anderer Menschen vergleichsweise schlecht honoriert wird? Müsste nicht der Staat beispielsweise seine Erzieherinnen in Kindergärten oder Pflegekräfte in staatlichen Krankenhäusern viel besser stellen? Schwesigs Staatssekretär Ralf Kleindiek illustriert das Problem gern an einem Beispiel: Altenpflegerinnen, die schmutzige Wäsche von Betten abzögen, bekämen keine Erschwerniszulage, wohl aber die Fahrer, die anschließend die Wäsche transportierten.

Wollte der Staat daran etwas ändern, müsste er Arbeit bewerten. Schweden hat damit Erfahrung. Die Regierung hat dort 2009 eine Behörde mit neunzig Mitarbeitern gegründet, die untersucht, welche Arbeit als gleichwertig gelten kann. Beschäftigte können sich an diese Ombudsstelle wenden. Zudem müssen Unternehmen mit mehr als 25 Mitarbeitern alle drei Jahre einen detaillierten Entgeltgleichheitsplan erstellen.

Undenkbar für Deutschland? Vorerst schon. In Schweden wird offener über Gehälter gesprochen als hierzulande, und Gleichstellungspolitik für Männer und Frauen wird selbstverständlicher akzeptiert. Schwesig will den Widerstand aber als Antrieb nutzen. In der Frauenpolitik sei Kritik oft eine Hilfe, sagte sie vergangene Woche munter bei einem SPD-Empfang zum Internationalen Frauentag. "Nur so bekommt ein Thema Aufmerksamkeit – und fliegt." Kommende Woche reist sie nach Amerika, wo sie Hillary Clinton treffen will. Eines der Themen wird dann sein: ungleiche Löhne.