ZEIT: Kennen Sie denn den Sammler, der nun Ihr Rekordbild erworben hat? Wissen Sie, wo das Bild hängt?

Richter: Das weiß ich leider nicht, ich kenne auch den Käufer nicht. Ursprünglich habe ich es wohl direkt an einen Kölner Sammler verkauft, ich vermute mal, für 15.000 Mark. Und ich war sehr stolz, dass es in die Sammlung kam.

ZEIT: Vielleicht hängt es jetzt in einem dieser Kunstbunker in Singapur oder Basel, als gut gesicherte, steuerfreie Kapitalanlage.

Richter: (lacht) Ja, das kann sein, aber irgendwann kommt es da wieder raus. Wirklich gute Bilder verschwinden nicht. Am Ende landen sie doch im Museum.

ZEIT: Es sei denn, es sind nur Investitionsobjekte. Gerade in jüngster Zeit soll das ja öfter vorkommen.

Richter: Mag sein, aber davon verstehe ich nicht ganz so viel oder auch gar nichts.

ZEIT: Hat sich denn jemals einer dieser Supersammler, die Millionen für einen Richter ausgeben, bei Ihnen gemeldet, weil er sich über seine Erwerbung mit Ihnen austauschen wollte?

Richter: Nein, nie. Ich kenne nur einen, der hat das Bild Tisch von mir gekauft. Ein Chinese oder Koreaner, das ist so ein richtig Besessener, den mag ich gern.

ZEIT: Kann es sein, dass mit den hohen Marktpreisen das inhaltliche Interesse an der Kunst nachlässt?

Richter: Das scheint so zu sein. Lange hat es mich auch sehr geärgert, wenn in vielen Zeitungen nur noch über die Preise gesprochen wurde. Mittlerweile habe ich resigniert, ich habe mich damit abgefunden, dass über Kunst so gut wie gar nicht mehr gesprochen wird. Sie ist im Grunde kein Thema, auch in den Feuilletons nicht.

ZEIT: Aber über Geld wird gesprochen.

Richter: Ja, weil man das leicht fassen kann. Es gibt ja nur wenige, die mit Kunst etwas anfangen können, die ein echtes Verständnis dafür haben.

ZEIT: Warum wehren sich die Künstler nicht stärker gegen die Ökonomisierung der Kunst?

Richter: Da wüsste ich nicht, wie das gelingen sollte.

ZEIT: Sie könnten beispielsweise den Hochpreismarkt durch Billigpreise torpedieren.

Richter: Ach, dafür wird man gleich bestraft, das habe ich mit Editionen erlebt. Da hatte ich hundert kleine Originale gemalt und sehr billig verkauft. Die waren sofort alle weg und landeten unverzüglich auf dem Auktionsmarkt. Der Handel wird so nur noch mehr befördert. Man entkommt dem Markt nicht.

ZEIT: Der Markt lebt aber doch vom Glauben an das Unikat. Wenn Sie also die Originale für sich behielten und nur noch Kopien verkauften – müsste das nicht die Spekulanten abschrecken?

Richter: Lustig, dass Sie das fragen. Darüber habe ich auch schon öfter nachgedacht, mit dem Kurator Hans Ulrich Obrist wollte ich sogar mal eine Ausstellung nur mit Reproduktionen meiner Werke machen. Jetzt zeige ich in Dresden ein vierteiliges, abstraktes Original und auf der gegenüberliegenden Wand die entsprechende Kopie. Das sind große Bilder, und weil man die heute so gut reproduzieren kann, wird es schwierig, den Unterschied überhaupt auszumachen.

ZEIT: Und meinen Sie, diese Kopien würden sich genauso teuer verkaufen wie die Originale?

Richter: Nein, die Originale kosten mindestens das Dreißigfache.

ZEIT: Ich vermute, dass Fotografen wie Andreas Gursky ihre Werke deshalb künstlich knapp halten – auf diese Weise können sie den Markt noch weiter anheizen.

Richter: Da haben Sie recht, gerade für Fotografen ist das großer Unsinn. Die verhalten sich marktgerecht, weiter nichts. Dabei könnte ein Gursky so billig sein, dass sich ihn jeder leisten könnte. Nur vielleicht ein wenig kleiner im Format. Die sind ja immer so ungeheuer groß.

ZEIT: Welche Bedeutung hat denn für Sie das Original heute noch?