Das Bild auf meiner Hand wächst rasant. Jyoti führt die Spritztüte in kühnem Tempo über meine Haut, feinste Linien strömen daraus zu einer Blüte zusammen, verästeln sich sofort wieder neu zu einer königlichen Bordüre, die gefüllt wird mit allerzartesten Kügelchen, Kringeln, Netzen. Der Geruch von Eukalyptus steigt mir in die Nase, die dunkle Hennapaste ist kalt und feucht, macht sich auf meiner Hand breit wie ein unbekanntes nasses Tierchen.

Auf meinen Indienreisen sah ich immer wieder Frauen mit Mehndis: filigranen braunen Ornamenten, die sich wie elegante Spitzenhandschuhe von den Fingerspitzen bis zu den Oberarmen hochzogen. Ich fand das geheimnisvoll, aber auch ein bisschen unheimlich. Jeder Kringel, jede ausschweifende Linie schien wild und frei und war doch Ausdruck einer uralten Tradition – der Hochzeitsbemalung von Bräuten. Eine Gleichzeitigkeit von Konvention und Ungezwungenheit, die ich nur schwer denken konnte. Ich wollte mehr über diese Kunst erfahren.

Jyoti Chhedas Lächeln ist warmherzig und offen, ihr Blick wach. Sie wurde bei zahlreichen Mehndi-Wettbewerben für ihre Schnelligkeit und Sorgfalt ausgezeichnet. Seitdem mein regloser Arm in ihrem Schoß einzuschlafen droht, verstehe ich, warum Tempo ein Kriterium ist. Brautmehndis, bei denen beide Hände, Füße und Schienbeine bemalt werden, dauern sogar bis zu neun Stunden. Jyoti wirbt auf ihrer Homepage mit vier.

"Möchtest du einen Pfau?"

"Was bedeutet der Pfau denn?"

"Ein Pfau ist glücksverheißend."

Das war auch die Bedeutung des Elefanten: auspicious. Und die Gottheiten bringen blessings, Segen. Unterm Strich scheinen alle Motive Glück und Segen zu bringen. Der warme Rotbraunton gilt ebenfalls als auspicious. Meine Nachfrage "Und Fruchtbarkeit?" rief ein billigendes indisches Kopfwackeln hervor. Meine Assoziation "Menstruationsblut" behielt ich für mich. Die Familie ist anwesend: Rujul, Jyotis Mann, und Zalak, die elfjährige Tochter. Jyoti und Rujul sind beide vierzig, und man hat sofort das Gefühl, sie ergänzen sich. Manchmal gibt er die Antwort, manchmal sie. Und er erzählt, was sie aus Bescheidenheit nicht erzählen würde: dass die reichste Familie Ugandas, die Ruparelias, Jyoti für ein Brautmehndi einflog und dass sie in Istanbul das Brautmehndi der Nichte Laxmi Mittals malte, des indischen Stahl-Milliardärs.

"Ja, einen Pfau bitte."

Jyoti zuzuschauen macht Spaß. Da ist dieser souveräne Schwung, und wenn die braune Paste mal ein bisschen vom Weg abkommt, versetzt Jyoti ihr augenblicklich einen ruppigen Schubs, putzt mit der Fingerspitze den Rest weg und macht mit einem Affenzahn weiter. Währenddessen zieht der typische Mumbai-Soundtrack durchs offene Wohnzimmerfenster: das Knattern der Rikschas, das Gehupe, das Ra-Ra-Ra der Krähen und mehrere Hindi-Schlager gleichzeitig.

Hennamalerei gibt es schon seit über 5000 Jahren. Man entdeckte Bilder an ägyptischen Mumien. Bis heute ist die Tradition Teil der Hochzeitskultur im Nahen Osten, in Nordafrika und Asien. Das Mehndi hat sich aber auch als Modeaccessoire durchgesetzt, für Partys oder einfach so. Die Farbe, die aus jungen, ultrafein gemahlenen Trieben des Hennastrauchs gewonnen wird, hält zehn bis 14 Tage, mit guter Pflege bis zu vier Wochen. Das ist der Vorteil gegenüber dem westlichen Tattoo – man kann einiges riskieren. Und es ist völlig unblutig.

Um die anspruchsvolle, glamourliebende Mumbaier Mittel- und Oberschicht zufriedenzustellen, entwirft Jyoti jede Saison neue Designs.

"Woher nimmst du die Ideen?"

"Aus dem Internet", antwortet sie ohne Scheu. Ich hatte etwas anderes erwartet – uralte religiöse Texte wie die Veden, Träume, Kunstausstellungen.

"Und aus Zeitschriften. Anschließend fertige ich Zeichnungen in meinem Heft an."

Da ich mich nicht bewegen kann, blättert Rujul für mich durch die Designs mit Ranken, Göttern, Figuren und Tieren. Der Trend gehe zum Bildlichen, der letzte Schrei seien Personen mit westlichem Aussehen. Rujul wischt auf dem iPad das Foto einer Kundin herbei. In ihr klassisches Mehndi ist das Bild eines Paares in moderner Kleidung integriert, er im Smoking, sie im Cocktailkleid.

"Ist das noch Mehndi?", frage ich.

"Die Bilder sind vielleicht westlich, aber die Gefühle sind indisch", sagt Jyoti. Ihr Ton sanfter Fürsorge wirkt beruhigend auf meinen inneren Widerstreit ein, Tradition und Moderne gleichzeitig zu denken.

Auch ihr Zuhause spiegelt die Souveränität eines Menschen wider, der ganz bei sich ist: eine nonchalante, karge Mittelklassewohnung, nackter Steinboden, wenig Möbel, die weiß lackierten Altbautüren zerkratzt. Dabei ist Jyoti gut im Geschäft, ihre Buchungen gehen bis ins nächste Jahr hinein.

"Fertig."

Die Paste färbt nicht sofort. Henna – Lawsonia inermis – wirkt durch Fermentation, das macht eine mehrstündige Einwirkzeit nötig. Je länger, desto dunkler und langlebiger das Mehndi. Man kann das Ganze aber mit Hitze beschleunigen, deshalb führt Jyoti mich nun in die Küche. Dort halte ich meine bemalte Hand über die Flamme des Gasherds. "Willst du mal bei einer Mehndi-Zeremonie dabei sein?", fragt sie. Davon hatte ich gehört: ein Fest zwei Tage vor der Hochzeit, bei dem die Freundinnen der Braut mit Henna bemalt werden.