Kunstwerk in Braun: der Chhatrapati Shivaji Terminus. Der Mumbaier Bahnhof zählt zum Unesco-Weltkulturerbe.

"Gern!"

"Meine Cousine heiratet in drei Wochen."

Vorsichtig frage ich: "Hast du vielleicht eine Kundin, die früher heiratet?"

"Niemand heiratet jetzt! Nach dem astrologischen Hindu-Kalender ist das Heiraten in nächster Zeit unheilbringend."

Ich sage zu. Aber im Badezimmer ziehe ich mein Smartphone hervor und google "inauspicious", "hindu calender", "january", "wedding". Ja, die Sterne stehen tatsächlich schlecht.

Rujul will mir die Maler zeigen, die mit Einbruch der Dunkelheit am Straßenrand ihre Stände aufschlagen und eine Art Mehndi to go anbieten. Preisgünstig – Klientel: untere Mittelschicht. Wir bewegen uns durch die Fußgängerströme eines quirligen Einkaufsviertels im Mumbaier Vorort Chembur, in der Abenddämmerung gehen grelle Glühbirnen über den Warentischen der Geschäfte an, Socken werden mir ins Gesicht gehalten, ein Zuckerwatteverkäufer stellt sich mir werbend in den Weg. Ich gehe ein bisschen vorgebeugt, um meine Hand vor Zusammenstößen zu schützen. Die Paste ist noch nicht ganz trocken und verschmiert schnell. Rujul beobachtet mich. "Wenn das Mehndi aufgetragen ist, verlässt die Braut nicht mehr das Haus." Das verstehe ich nun. "Mehndi ist auch ein Stress-Abbauer", erklärt Rujul weiter. "Die Braut kann damit keine Einkäufe machen, nichts mehr vorbereiten. Sie ist gezwungen, zu entspannen. Der Countdown für die Hochzeit läuft."

Ich dagegen mache viel. Im letzten Tageslicht springe ich Rujul hinterher, der zwischen vorbeipreschenden Mopeds und Rikschas ein kleines Plastikschemel-Ensemble ansteuert, auf dem drei Menschen sitzen. Zwei junge Männer bemalen einer Kundin gerade die Hände. "Gute Arbeit", sagt Rujul, "aber sie benutzen Fertigpasten. Frisches Henna ist besser. In den Tuben sind irgendwelche Chemikalien drin, selbst wenn all natural draufsteht."

Einer der Maler winkt mich zu sich und deutet auf meine Hand: "Von wem ist das?" – "Jyoti Chheda", sage ich, als sei es das Codewort zu einer höheren Welt der Mehndi-Initiierten. Er kramt einige Zeitungskopien hervor: Vorlagen, nach denen er arbeitet. "Das sind Jyotis Mehndis", sagt Rujul stolz.

Vor dem Schlafengehen umwickelt die Braut ihre Hände und Füße mit Tüchern – so kann die Mehndi-Paste auch über Nacht noch einwirken. Der Volksmund behauptet: Je dunkler das Mehndi, desto tiefer die Liebe des Bräutigams und der Schwiegermutter. Tatsächlich gibt ein dunkles Mehndi aber indirekt Auskunft über den sozialen Status einer Frau. Denn stundenlanges Gehandicaptsein kann sich eine Braut nur leisten, wenn sie Helferinnen hat, die ihr jeden Handgriff abnehmen. In einer Gesellschaft wie der indischen, die körperliche Arbeit strikt an ihre niedrigeren Kasten delegiert, ist ein Luxus dieser Art bedeutsam. Außerdem gilt die Regel, dass die Braut, die traditionellerweise bei den Schwiegereltern einzieht, ihrer Schwiegermutter nicht im Haushalt helfen muss, bis das Mehndi verblasst ist. Das mag der Liebe einen guten Start ermöglichen.

Ich hingegen kratze vor dem Schlafengehen die getrocknete schwarzbraune Paste mit dem Fingernagel ab. Ein elegantes Muster in Hellorange leuchtet mir entgegen, und eine seltsame Freude springt in mir an. Plötzlich verstehe ich, warum mit Mehndis Segen und Glück assoziiert werden, weshalb Mehndis in Zeiten des Übergangs, des Umbruchs und des Feierns schützen und begleiten. Erklären kann ich es nicht. 24 Stunden später, wie durch einen Zauber, verwandelt sich das Orange plötzlich in ein Mahagonibraun. Diese Farbe, denke ich, lebt.

Ich reise mit meinem Mehndi weiter nach Südgoa. Agonda ist ein beschauliches Küstendorf, ohne Partyszene. Dafür gibt es Fischer, die abends in der Brandung stehend ihre Netze auswerfen, und Kühe, die es sich zwischen den Sonnenbadenden am Strand bequem machen und mit ihnen aufs Meer schauen.

"Entschuldige, wo hast du dieses Mehndi her?" Ach ja, eine kleine Attraktion bin auch ich jetzt. Die Hände der Fragenden ziert meist die Do-it-yourself-Variante des Mehndis: breite Linien, simple Formen. Die Musterhefte, die in den Beauty-Parlours ausliegen, sind alt und wellen sich. Obwohl Mehndis hier zum Urlaubs-Repertoire gehören, scheint man sich darauf zu verlassen, dass Touristen keine Ahnung haben.

Meine Vermieterin Parveen verwendet sogar schwarze Mehndi-Paste, wenn sie ihren Freundinnen Mehndis malt. Dabei enthält die PPD, führt zu Ausschlägen und kann lebenslange Allergien auslösen. "Meine Freundinnen wollen es trotzdem", lächelt sie, während sie wie jeden Morgen Wäsche auf dem Waschstein vor ihrem Haus schrubbt. Mit ihrem im Piratenstil zurückgebundenen Kopftuch wirkt sie stets verwegen. Sie kommt aus Rajasthan, dem Wüstenstaat im Norden. "Dort ist die Mehndi-Tradition doch entstanden, oder?", frage ich. Sie lässt das Hemd los und tut so, als streiche sie sich etwas über den Scheitel: "Ursprünglich schmierte man sich zerstoßene Hennablätter und Wasser zur Abkühlung auf Kopf, Hände und Füße." Nicht nur die Paste erfrischte, sondern auch die Farbe, die sie hinterließ. Irgendwann stellten die Wüstenfrauen fest, dass man sogar Ornamente mit Lücken dazwischen zeichnen konnte und der Kühlungseffekt immer noch anhielt. So entstand die Mehndi-Kunst.

Meine bemalte Hand kommt mir schon ziemlich sexy vor. Ich wasche sie so selten wie möglich. Aber nach zehn Tagen verblasst das Mehndi, wird erst hellorange, und dann ist es eines Morgens weg. Zurück in Mumbai, gibt Jyoti mir Anfängerunterricht in den Grundlagen ihrer Kunst. Rujul und Zalak sehen zu. Erst rühren wir die Paste an: neun Löffel fein gesiebtes Hennapulver, eine Tasse kalter Schwarztee, vier Löffel Mehndi-Öl (ein Mix aus Henna-, Nelken- und Eukalyptus-Öl, der die Poren öffnet). Dann malt sie diverse Varianten von Kringeln und Ornamenten in ein Heft und lässt mich alles abmalen. Ich fühle mich wie in der ersten Klasse. Erklärungen bekomme ich keine – indischer Unterricht setzt meist ganz auf die Kraft der Nachahmung. Endlich erlöst Jyoti mich von der Trockenübung und drückt mir eine kleine Spritztüte in die Hand. "Mal was!" – "Was?" – "Was du gerade geübt hast. Das malst du nun aus dem Gedächtnis."

Ich bemale meinen Fuß. Zu Hause in Berlin ist Winter. Da sieht man meine nackten Füße nicht so.