DIE ZEIT: Seit vergangener Woche gibt es in Österreich ein neues Islamgesetz. Gehört der Islam nun zu Österreich?

Farid Hafez: Der Islam hat eher vorher zu Österreich gehört und tut es jetzt nicht mehr ganz gleichberechtigt. Das alte Islamgesetz von 1912 war im Wesentlichen die gesetzliche Anerkennung einer Religion. Diese wurde darin nicht anders behandelt als andere Glaubensbekenntnisse. Nun haben wir ein neues Islamgesetz, das sich nicht am Paritätsprinzip orientiert, also am Grundsatz, dass alle Religionsgemeinschaften gleich behandelt werden müssen. Es wurde ein Gesetz geschaffen, das anders ist als alle anderen Religionsgesetze. Es stellt Muslime unter einen Generalverdacht.

ZEIT: Mit dem Gesetz soll der ausländische Einfluss auf Religionsgemeinschaften unterbunden werden. Kann man das nicht verstehen? Wenn man etwa die Aussagen des türkischen Präsidenten Recep Erdoğan hört, der vor wenigen Tagen gegen das Gesetz gewettert hat.

Hafez: Das sind populistische Argumente auf beiden Seiten. Es ist kompletter Schwachsinn, zu glauben, der Einfluss von ausländischen Kräften würde nun durch ein Finanzierungsverbot aus dem Ausland zurückgedrängt. Durch Stiftungen im Ausland lassen sich Imame in Österreich problemlos weiterfinanzieren. Das ist ganz klar, und das wurde unter der Hand auch so ausverhandelt.

ZEIT: Von wem?

Hafez: Die Akteure in den Religionsgemeinden haben gewusst, wie sie mit der Sache umgehen werden. Es wurde öffentlich über diese Exit-Strategien gesprochen. Dass integrationspolitische Argumente angeführt werden, verstehe ich. Aber es bleibt der Punkt, was mit anderen Kirchen ist. Es gibt viele katholische und evangelische Gemeinschaften, in denen die Predigten nicht in deutscher Sprache gehalten werden. Was ist mit denen? Und Erdoğan benutzt hier ebenso ein populistisches Argument.

ZEIT: Wozu?

Hafez: Weil er damit in der Türkei nur gewinnen kann und auch in Europa Zuspruch bekommt. Er sieht sich als Sprecher aller Muslime.

ZEIT: In der Tradition eines Panislamismus, in der die Türkei als Repräsentant aller Muslime auftritt?

Hafez: Das ist die außenpolitische Vision. Premierminister Ahmet Davutoğlu hat in seiner Zeit als Außenminister schon eine Art neoosmanisches Projekt verfolgt, mit dem Ziel, die Führerschaft über die muslimische Welt zu übernehmen.

ZEIT: Was ist demnach falsch an der Idee, aus dem türkischen, saudi-arabischen oder iranischen Islam einen europäischen Islam machen zu wollen?

Hafez: Die Frage muss lauten: Was ist am türkischen Islam anders als am österreichischen? Wenn es tatsächlich um Werte, um eine Grundordnung und um Demokratie geht, dann ist der türkische Islam der Islam par excellence, der sich an diese Maßstäbe hält.

ZEIT: Steckt hinter der Idee eines europäischen Islams eine kulturelle Überheblichkeit, weil europäisch stets als fortschrittlich und weiterentwickelt gilt?

Hafez: Ja und nein. Es ist gute Rhetorik mit falscher Politik. Der Begriff eines Islams europäischer Prägung ist aus den Glaubensgemeinschaften selbst gekommen. Die Muslimische Jugend Österreich (MJÖ), die am stärksten gegen das Gesetz aufgetreten ist, spricht seit ihrer Gründung vom österreichischen Islam. Doch der Staat hat sich des Begriffs bemächtigt und ihn umgeformt. Nun ist damit ein Islam unter staatlicher Kontrolle gemeint. Das ist ein europaweites Phänomen. Der Islam wird per se als ein Sicherheitsproblem betrachtet. Und man glaubt, indem man ihn domestiziere, lasse er sich kontrollieren.

ZEIT: Also schafft man ein Antiterrorgesetz?

Hafez: Ich würde nicht davon ausgehen, dass das ein Religionsgesetz ist, sondern eines, in dem der Sicherheitsaspekt sowie integrationspolitische Ambitionen Eingang gefunden haben.

ZEIT: Aber was ist denn nun ein Islam europäischer Prägung?

Hafez: Das werden wir nie erfahren, weil es ein Kampfbegriff geworden ist. Ursprünglich war es eine Generationenfrage. Es ging darum, ob man sich in Österreich nach wie vor als Gastarbeiter fühlt oder das Land als sein Zuhause ansieht. Die MJÖ wollte eine Position formulieren, in der man als Muslim Staatsbürger ist und an dieser Gesellschaft partizipiert. Daher kommt der Begriff. Die Islamische Glaubensgemeinschaft wiederum benützte ihn, um zu erklären, dass der Islam in Europa in einem harmonischen Verhältnis mit dem Staat existieren kann. Die Annahme ist, Islam und Demokratie passen nicht zusammen. Der Islam ist damit in Europa aber keine Religion mehr, sondern ein Politikum.