Erst Tikrit erobern und sichern. Dann den "Islamischen Staat" (IS) aus Iraks zweitgrößter Stadt Mossul vertreiben und schließlich aus dem ganzen Land. Ziemlich forsch klingen derzeit die Ankündigungen der irakischen Armeeführung und Regierung. Ein wenig zu forsch in Anbetracht der Tatsache, dass Iraks Armee vergangenen Sommer weite Teile des Landes kampflos der Terrormiliz überließ und ihre überwiegend von den USA bezahlte Ausrüstung gleich mit. Ist Iraks Armee wenige Monate nach diesem Debakel auf einmal in der Lage, die militärisch ebenso brutalen wie ausgefuchsten Einheiten des "Kalifats" zu besiegen?

Die Frage muss man mit einem klaren Nein beantworten. Und anders formulieren: Ist der Iran in der Lage, den IS auf irakischem Boden zu besiegen?

Kassem Suleimani heißt der Befehlshaber der Al-Kuds-Brigaden, die als Spezialeinheit der iranischen Revolutionsgarden für Auslandseinsätze zuständig sind. Er steht auf der Terrorliste der USA. Schon seit 2012 koordiniert er den iranischen Militäreinsatz in Syrien, ohne den das Regime von Baschar al-Assad längst vor dem IS und seinen anderen Gegnern kollabiert wäre. Nun führt Suleimani im Irak den Bodenkrieg gegen den IS – gegen den gleichen Gegner also, den die USA derzeit mit ihrer Luftwaffe bekämpfen.

Der sogenannte Schattenkommandant, der sich jahrelang klandestin bewegte und so gut wie nie fotografieren ließ, gab sich vor der Offensive gegen den IS in Tikrit keine Mühe mehr mit Versteckspielen. "Er ist am Ort", bezeugten irakische Kommandanten. Angeblich nur in beratender Funktion. Aber das glaubt niemand wirklich.

Suleimanis Anwesenheit und die massive Unterstützung Teherans sind der wichtigste militärische Trumpf, den die immer noch marode irakische Armee gegen den "Islamischen Staat" hat. Aber sie sind auch ihr größtes Problem.

Der sunnitische IS hatte in den vergangenen Jahren Zulauf im Irak, weil die in Bagdad herrschenden Schiiten die Sunniten diskriminierten. Der schiitische, inzwischen abgetretene Premierminister Nuri al-Maliki hatte nach dem endgültigen Abzug der US-Truppen 2011 das Wort "Kooperation" sofort aus seinem Vokabular gestrichen. Seine Politik der Repression ermöglichte der Terrormiliz, Koalitionen mit mehreren sunnitischen Stämmen sowie Netzwerken alter Saddam-Anhänger einzugehen. So fielen im vergangenen Sommer Mossul, Tikrit und weitere Städte unter die Kontrolle des IS. Außerdem rückten IS-Kämpfer bis kurz vor Bagdad und dicht an Erbil, die Hauptstadt der kurdischen autonomen Region, vor.

Den Vormarsch hielten schließlich nicht die irakischen Soldaten auf, sondern amerikanische Kampfbomber, kurdische Peschmerga und PKK-Einheiten im Norden sowie schiitische Milizen im Zentral-Irak – alle drei offenbar immer wieder unterstützt durch iranische Truppen.

So konnte dem IS einiges Terrain im Irak wieder abgerungen werden. Bloß fühlen sich die dort lebenden Zivilisten nun keineswegs befreit. Amnesty International und Human Rights Watch berichten von willkürlichen Hinrichtungen, Entführungen, Brandstiftungen und Plünderungen durch schiitische Kämpfer. In einer Stadt sollen Milizen und irakische Sondereinheiten über 70 sunnitische Zivilisten massakriert haben.

Malikis Nachfolger Haider al-Abadi hatte zwar im Dezember vergangenen Jahres versprochen, alle Milizen unter staatliche Kontrolle zu bringen und deren Verbrechen untersuchen zu lassen. Doch davon ist bislang nichts zu sehen. Solche Rachefeldzüge lassen manchen Sunniten das Terrorregime des IS als kleineres Übel erscheinen.

Dass die iranischen Sponsoren bislang disziplinierend auf ihre schiitischen Schützlinge eingewirkt hätten, ist nicht bekannt. Auch die USA halten sich derzeit zurück, wenn die Sprache auf Menschenrechtsverletzungen schiitischer Milizen im Kampf gegen den IS kommt.

An der Offensive gegen Tikrit sind US-Kampfflugzeuge bislang offenbar nicht beteiligt gewesen. Arabische Medien spekulieren, dass Teheran die Rückeroberung Tikrits, wenn sie denn gelingt, klar als Erfolg Irans und als Zeichen seiner strategischen Expansion darstellen möchte.

Weiter nördlich in Mossul warten die Einwohner unterdessen mit einer Mischung aus Angst und Hoffnung auf den Angriff, den US-Generäle, Peschmerga-Sprecher und Vertreter der irakischen Regierung für das Frühjahr angekündigt haben. Sie schwanken zwischen Hoffnung auf ihre Befreiung vom "Kalifat", Angst vor einer fürchterlichen Häuserschlacht und blutigen Racheaktionen der schiitischen Milizen, Peschmerga und irakischen Militärs, die dort ihre Schmach des kampflosen Rückzugs tilgen wollen.

"Ich wünschte, die US-Armee würde uns befreien. Die würden wenigstens keine Häuser anzünden", sagte ein Bewohner per Telefon der irakischen Autorin Rascha al-Akeedi, die selbst vor dem IS aus Mossul fliehen musste. Aber die USA werden keine Bodentruppen schicken. Das wird, "in beratender Funktion", wohl Kassem Suleimani tun.