Antigone ist jene Tragödie des Sophokles, in der so unerbittlich gestorben wird, wie man nur in griechischen Klassikern oder schlechten Melodramen stirbt: Zuerst nimmt sich die Titelheldin das Leben, dann ihr Verlobter und schließlich dessen Mutter. Von Antigone sollte man gehört haben, wenn man Katrin Suder trifft.

Suder hat die Antigone immer gern gespielt. Damals, in den Neunzigern, als sie an der Technischen Hochschule Aachen zunächst das Ensemble Poetischer Anfall gründete, dann einen Theatersaal einrichtete und schließlich bei den Inszenierungen nicht nur die Regie übernahm, sondern oft auch die weibliche Hauptrolle. Als Physikstudentin. Antigone war ihre Lieblingsfigur. Warum? Suder, 43, eine schlanke Frau mit langen, glatten Haaren und Brille, antwortet nach kurzem Zögern: "Wegen ihrer Kompromisslosigkeit."

Suder hat 14 Jahre lang als Unternehmensberaterin gearbeitet, ist aufgestiegen zur ersten Direktorin in der Geschichte von McKinsey in Deutschland. So jemand muss kompromisslos sein, denkt man: Kosten drücken, Bilanzen optimieren, Leute rausschmeißen, eine Antigone der Kostensenkung. Doch dann sagt Suder einen Satz, der den Gedankengang jäh abstürzen lässt: "Ich wollte fühlen, was ich nicht bin."

Heute muss sie damit klarkommen, was sie ist. Seit August vergangenen Jahres ist Katrin Suder Staatssekretärin im Verteidigungsministerium, zuständig für Rüstungswesen und Bundeswehrreform – und damit eine zentrale Größe im engsten Umfeld von Ursula von der Leyen. Suder, die öffentlich gänzlich Unbekannte, verkörpert die Schlüsselfigur in der Frage, ob von der Leyens Karriere noch über das Verteidigungsressort hinausführen wird – oder ob sie dort endet. Ihr fällt die Aufgabe zu, das Rüstungschaos bei der Bundeswehr in den Griff zu bekommen. Sie muss dafür sorgen, dass neue Flugzeuge in Zukunft nicht weiterhin dreimal so viel kosten wie vereinbart, aber nur halb so viel können wie geplant – und dass nicht mehr ganz Deutschland über die Bundeswehr lacht, wenn ihre Hubschrauber nicht abheben, ihre U-Boote nicht tauchen, ihre Sturmgewehre versagen. Suder muss erfolgreich sein, damit von der Leyen als erfolgreich gelten kann. Wenn sie es nicht ist, scheitern beide. Ein guter Schuss Kompromisslosigkeit, ein guter Schuss Antigone, könnte da nicht schaden.

Ein wenig erinnert Suder an die Supernanny, die Frau, die alles kann

Zugleich soll Suder ohne jeglichen militärischen Hintergrund den laufenden Umbau der Bundeswehr zur global agierenden Einsatzarmee so gestalten, dass die Truppe ihre ureigene Aufgabe – die Landes- und Bündnisverteidigung – wieder besser wahrnehmen kann. Die Ukraine-Krise und die Rückkehr der alten Frontstellung zu Moskau zwingt die Bundeswehr dazu. In einem ersten Schritt hat von der Leyen zu Wochenbeginn angekündigt, die Panzertruppe zu verstärken. Ein bis dato nur formal bestehendes Bataillon im niedersächsischen Bergen soll mit bis zu 700 Soldaten und 44 Leopard-Panzern ausgestattet werden, Zeitpunkt und Finanzierung sind noch unklar – auch darum wird sich Suder kümmern müssen.

Von der Leyen traf Suder zum ersten Mal im Jahr 2010, als sie, die Arbeitsministerin, von McKinsey Studien zum Fachkräftemangel und zur Bildungskarte ausarbeiten ließ. Die beiden Frauen erkannten, dass sie ähnlich ticken, wenn Probleme auftauchen: Lösungen suchen, weitermarschieren, nicht wie das Kaninchen auf die Schlange starren. Die Krisenreaktionskraft funktioniert synchron, das Alltagstempo auch. Werfe man von der Leyen einen Knochen hin, meint Suder, nage sie den ratzfatz ab: "Rrrttrrrt-trrrtrrrttrrrtt – ich bin genauso." Ein guter Schuss von der Leyen ist jedenfalls da.

Die gebürtige Mainzerin hat als promovierte Physikerin mit Bachelorabschluss in Sprachwissenschaften in einer Herzbranche des Kapitalismus, der Unternehmensberatung, viel Geld verdient und dabei das "LGBT Diversity Management" propagiert – den aufgeschlossenen Umgang mit sexueller Orientierung, sei es lesbian, gay, bisexual, transgender (lesbisch, schwul, bi- oder transsexuell). Suder ist selbst lesbisch, hat zwei kleine Kinder, die sie mit einem Lastenradmodell, das einst in der dänischen Kifferhochburg Christiania entwickelt wurde, durch Kreuzberg kutschiert. Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass sie phänotypisch ein wenig an die Super Nanny von RTL erinnert, eine Frau, die auch immer alles kann. Nach Auffassung all jener Militärs, die mit dänischen Lastenrädern, promovierten Physikerinnen und ungedienten Lebensformen in Spitzenpositionen des Verteidigungsressorts nicht viel anfangen können, und das sind nicht wenige, ist Suder aber vor allem eins: eine Provokation.

Und genau das ist gewollt. Nicht von ihr, aber von ihrer Chefin.

Eine selbstbewusste Frau in einer Männerdomäne

Suder wurde nicht nur für das ausgewählt, was sie kann, sondern auch für das, was sie jetzt ist: eine selbstbewusste Frau in einer Männerdomäne. Die Personalie Suder sendet klare Botschaften ins Verteidigungsministerium hinein wie auch an die Öffentlichkeit: Ich, Ursula von der Leyen, greife durch, heißt die erste. Nicht die Tradition zählt, sondern die Effizienz, die zweite. Und die dritte: Wir sind jetzt modern, die Bundeswehr und das Ministerium, das die Truppe lenkt.

Es gibt aber noch einen weiteren Grund für die Berufung Suders. Um das Rüstungswesen beherrschbar und produktiv zu machen, braucht man keine Physiker und keine Schauspieler, aber auch keine Sicherheitspolitiker und keine Militärs. Man braucht eine moderne Umbau-Expertin oder, wie das in Suders alter Welt hieß: eine Change-Managerin. Jemanden, der sich schnell einen Überblick über komplizierte Strukturen, verwirrende Zahlen und undurchsichtige Abläufe verschaffen kann – und dann tut, was getan werden muss. Aber nicht kompromisslos, nicht Antigone-like.

Vorbehalte, Ablehnung gar seien ihr bei der Truppe noch nicht begegnet

Wenn man sich mit Katrin Suder unterhält, dann bricht immer wieder die Unternehmensberaterin aus ihr heraus. Sie benötigt keine drei Sätze, um "Rüstungsindustrie 4.0", "Ebit-Effekte", "spec freeze" und "early warnings" unterzubringen. Aber sie spricht auch von Kameradschaft, Respekt, Demut. Sie habe keine Probleme damit, sich "in den Dienst zu stellen". Vorbehalte, Ablehnung gar wegen ihrer sexuellen Orientierung seien ihr bisher nicht begegnet, weder im Ministerium noch bei der Truppe. Von der Leyens Offerte, Staatssekretärin zu werden, habe sie angenommen, weil "nicht irgendwer" gefragt habe und weil sie das Angebot "als Ehre" empfand. "Die Chance, etwas von dieser Bedeutung mitzugestalten, kommt nur einmal im Leben." Dass sie für diese Chance auf viel Geld verzichtet, erwähnt sie nicht.

Von der Leyen und Suder wissen, dass sie allein gegen den Apparat keine Chance haben. Dass es schon viele große Reformankündigungen im Rüstungsbereich gab – und die Trägheit des Systems bisher noch stets gesiegt hat. Womöglich hat sich Suder auch deshalb bislang dagegen gesträubt, öffentlich in Erscheinung zu treten. Am Donnerstag dieser Woche trifft sie sich – zusammen mit von der Leyen – zum ersten Mal mit einer größeren Anzahl von Journalisten zu einem Pressegespräch. Das darf man getrost als Zeichen deuten: Ich bin dann mal da.

"Nothing in life is to be feared, it is only to be understood" – dieser Sinnspruch von Marie Curie, Physikerin und Nobelpreisträgerin, hing über Suders Schreibtisch im alten Büro, dem bei McKinsey mit dem schicken Blick auf den Kurfürstendamm. Im neuen ist er nirgends zu sehen, Suder überlegt noch, was sie mit dem "Man muss nichts im Leben fürchten, man muss es nur verstehen" nun anfangen soll. Vielleicht gibt es in ihrem neuen Job, in ihrem neuen Leben, doch etwas zu fürchten.

In der Tragödie, die ihren Namen trägt, ist nicht Antigone die zentrale Figur, sondern Kreon, der Herrscher. Antigones Chef, wenn man so will. Kreon verkennt das Maß seines Amtes, er überzieht – und scheitert. Antigone ist lediglich der Kristallisationspunkt, an dem sich dieses Scheitern offenbart. Wenn von der Leyen sich als Kreon entpuppt, dann ist Suder ihre Antigone .