Manche Leser, Zuschauer oder Hörer haben Schwierigkeiten, Fiktion und Wirklichkeit auseinanderzuhalten, und manchmal machen die Medien es ihnen auch bewusst schwer. Man erinnere sich an das Millionenspiel von Wolfgang Menge, das 1970 viele Zuschauer für bare Münze nahmen. Und auch am 30. Oktober 1938 glaubten viele Radiohörer wirklich, die USA würden von Marsianern angegriffen. Orson Welles hatte den Roman War of the Worlds von H. G. Wells fürs Radio inszeniert – als aktuelle Reportage.

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Viele Hörer riefen beim Sender CBS oder bei ihrer Lokalzeitung an, um sich zu erkundigen, ob sie da gerade richtig gehört hätten. Zwar streute CBS in der 60-minütigen Sendung viermal den Hinweis ein, dass es sich um eine fiktive Geschichte handele, aber es gab natürlich auch Hörer, die von einem anderen Sender herüberwechselten und die Ansage nicht gehört hatten.

Bleibt die Frage: Ist der Ausdruck "Massenpanik" berechtigt, oder waren das Einzelfälle? Liefen die Leute zu Tausenden verängstigt auf die Straße, trampelten sich gegenseitig nieder? Nahmen sich Menschen angesichts der Katastrophe gar das Leben? Zum 75. Jahrestag der Sendung haben die Medienhistoriker Jefferson Pooley und Michael J. Socolow den Fall 2013 noch einmal aufgerollt und ihre Erkenntnisse im Onlinemagazin Slate veröffentlicht. "Die angebliche Panik", schreiben die Autoren, "war so winzig, dass sie in der Nacht der Ausstrahlung praktisch nicht messbar war."

Zum Massenphänomen wurde der Aufruhr erst in den Tagen danach – und zwar ausgerechnet in der gedruckten Presse. Die beäugte das neue Medium Hörfunk mit Argwohn und fürchtete um ihre Werbekunden. Die angebliche Panik war ein wunderbarer Anlass, den Radioleuten Verantwortungslosigkeit und Irreführung der Massen vorwerfen zu können. "Terror per Radio" war ein Kommentar der New York Times überschrieben.

Die Einschaltquote des Hörspiels betrug zwei Prozent, bei der Konkurrenz lief eine beliebte Show. Selbst wenn jeder zehnte Zuhörer die Sache geglaubt hätte – die Millionen Verwirrten, von denen auch heute noch gesprochen wird, hat es gewiss nicht gegeben.

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