Man will mit einer neuen Technik Eindruck machen, und dann so etwas. "Good afternoon, Melanie, how are you?", fragte Steve Clayton seine deutsche Kollegin Melanie Schoebel. Per Skype war sie zugeschaltet zur Worldwide Partner Conference von Microsoft in Washington. Eine Computerstimme schnarrte ihm hinterher: "Aber nach neuen Melanie, wie geht es dir." Die Angesprochene, drei Tage nach dem deutschen Sieg bei der Fußball-WM im Juli vergangenen Jahres noch im Nationaltrikot, ließ sich von diesem Kauderwelsch nicht beirren und antwortete, jedes Wort überdeutlich artikulierend: "Mir geht es gut, wie geht es dir?" – "Well how is it me friends?", übersetzte der Computer.

Man kann sich vorstellen, wie Microsofts PR-Leute, Entwickler und Wissenschaftler hinter den Kulissen in die Tischkante bissen. Eigentlich hatten sie ja vorführen wollen, wie Computer endlich die letzte Barriere für die Völkerverständigung niederreißen: Nachdem die Menschheit global per Telefon und Internet vernetzt ist, sollen Rechner die Grenzen zwischen den Tausenden verschiedenen Sprachen aufheben. Stattdessen geriet ihre Show zu einer Demonstration der Schwierigkeiten, die diesem Menschheitstraum im Detail entgegenstehen.

Zugestehen muss man dem Computer, der zwischen Steve und Melanie vermittelte, dass die Konversation nach dem holprigen Anfang etwas flüssiger lief. Eine Simultanübersetzung für Telefongespräche oder Videokonferenzen ist im Prinzip möglich. Davon kann sich mittlerweile selbst überzeugen, wer Englisch oder Spanisch spricht: Seit Dezember dürfen Nutzer des Online-Telefoniedienstes Skype, den Microsoft im Jahr 2011 gekauft hat, die Übersetzung vom Englischen ins Spanische und umgekehrt testen. Im Lauf dieses Jahres sollen im Zweimonatstakt weitere Sprachpaare hinzukommen – auch ein Deutsch-Englisch-Dolmetscher.

Aus der Science-Fiction kennen wir das schon lange, etwa aus Douglas Adams' Roman Per Anhalter durch die Galaxis. Da stecken sich die Leute den sogenannten Babelfisch ins Ohr, der alles Fremdländische in die eigene Sprache dolmetscht. Der Protokolldroide C-3PO aus Star Wars beherrscht sechs Millionen verschiedene Sprachen. Jetzt wird der jahrzehntealte Traum Wirklichkeit, umsonst und für eine breite Masse: 300 Millionen Menschen nutzen den (in der Basisversion kostenlosen) Dienst weltweit. Wie die maschinelle Simultanübersetzung in den Alltag tritt und wie sie funktioniert, das sagt viel über ein Forschungsfeld aus, das wie kein zweites für die Hybris der Informatik steht: KI, die Künstliche Intelligenz.

Sie hat seit den fünfziger Jahren viel versprochen und wenig gehalten, auch in Sachen Digitaldolmetscher. Das Projekt Verbmobil, in dem die Bundesregierung zwischen 1993 und 2000 umgerechnet 58 Millionen Euro versenkte, brachte außer heißer Luft nicht viel hervor. Sein Ziel war ein elektronisches Kästchen, das zwischen zwei Sprechern als Dolmetscher fungieren sollte. Heraus kam ein rudimentäres Spracherkennungssystem fürs Auto, das einsilbige Befehle entgegennahm.

Das Scheitern der KI-Forscher lehrt Kurioses über intelligente Maschinen: Das scheinbar Schwere ist für sie eher leicht, das vermeintlich Leichte schwer. Schach spielen lernten die Computer schnell, aber erst vergangene Woche konnten Google-Forscher in Nature verkünden, dass ihr Rechner sich simple Computerspiele wie Space Invaders oder Pong selbst beibringen konnte. Auch für die Sprachverarbeitung gilt: Komplexe wissenschaftliche Texte lassen sich leichter verstehen und übersetzen als nuschelige Unterhaltungen unter Teenagern.