Viele Hotels haben inzwischen Arbeiten wie Reinigung und Zimmerservice an Subunternehmen wie ASN Concepts ausgelagert. So können sie, je nach Saison, mehr oder weniger Personal bestellen. Dadurch ist ein verschattetes System entstanden, schwer zu durchblicken. Laut dem Hotelverband arbeiten deutschlandweit etwa 500.000 Menschen in der Hotellerie. Mitarbeiter von Hoteldienstleistern, also Fremdfirmen, werden jedoch nicht erfasst.

Das Zimmermädchen Natalia Kowarczyk sagt, ihm seien im Adlon jeden Morgen bis zu neun Zimmer zugeteilt worden. Alles sogenannte Deluxe-Zimmer, mal "Superior Deluxe", mal die "Royal Suite", pro Nacht zwischen 200 und 20.000 Euro. Manche Suiten sind größer als ganze Einfamilienhäuser, bis zu 220 Quadratmeter. Kowarczyks Arbeitszeit laut Vertrag: 30 Stunden. Putzen sollte sie zwischen 8 und 14 Uhr.

Sie schaffte es nicht, nie. Egal, wie sie sich mühte, es dauerte immer länger, mal zwei, mal drei Stunden. Bald ließ Kowarczyk beim Putzen mit den ätzenden Reinigungsmitteln die Gummihandschuhe weg, weil das An- und Ausziehen zu viel Zeit kostete. Jetzt waren ihre Hände entzündet, sie brauchte trotzdem bis zu neun statt sechs Stunden für die vielen Suiten.

Wenn man ihre tatsächliche Mehrarbeit in ein Verhältnis zu ihrem Lohn setzt, verdiente Kowarczyk nicht 9,55 Euro, wie es in der Anzeige hieß, sondern etwa 6,50 Euro. Es habe nie jemand aufgezeichnet, wie viele Stunden sie tatsächlich gearbeitet habe, erzählt sie. Einige Kolleginnen seien direkt beim Hotel angestellt und hätten acht Stunden Zeit für ihr Zimmerkontingent gehabt. Den ASN-Kolleginnen blieben nur sechs Stunden. Nicht zu schaffen.

Der Subunternehmer ASN Concepts weist die Vorwürfe zurück. "Wenn unsere Mitarbeiter Überstunden leisten, so werden diese nach gesetzlichen bzw. tariflichen Rahmenbedingungen abgerechnet und vergütet", schreibt das Unternehmen in einer Stellungnahme. "In dem Hotel Adlon werden die Arbeitszeiten durch unsere Housekeeping-Supervisor festgehalten und an unser Büro weitergeleitet. Die Mitarbeiter haben die Möglichkeit, ihre Arbeitszeiten jederzeit zu überprüfen. Bei Unstimmigkeiten oder Eintragungsfehlern kümmert sich unser Personal umgehend um die Klärung und veranlasst selbstverständlich eine Korrektur." Das Adlon nimmt zu den konkreten Vorwürfen keine Stellung, schreibt nur sehr allgemein: "Im Hotel Adlon gelten – dem Selbstverständnis unseres Hauses entsprechend – hohe Standards, deren Einhaltung kontinuierlich überprüft wird. Dazu gehören natürlich auch faire Arbeitsbedingungen für alle Mitarbeiter, die im Adlon tätig sind. Dies schließt ausdrücklich auch Subunternehmen ein."

Natalia Kowarczyk hat sich nicht getraut aufzubegehren. Vor wenigen Wochen hat sie gekündigt. In Hamburg sind in den vergangenen Monaten einige Zimmermädchen vor Gericht gegangen, um einen Ausgleich für ihre vielen Überstunden zu erstreiten. Sie hatten die Hostels und Hotels der Billigkette A&O geputzt, angestellt waren sie bei dem Subunternehmen Difam mit Sitz in Borsdorf, einer Gemeinde im Landkreis Leipzig. Einige der Zimmermädchen wurden von der Anwaltskanzlei Fochler & Collegen vertreten. Ein schwieriger Auftrag, weil es für Arbeitnehmer nicht einfach ist, Überstunden zweifelsfrei zu dokumentieren. Die Hotelkette A&O hat inzwischen bekannt gegeben, die Verträge mit dem Leipziger Dienstleister gekündigt zu haben. Nicht jedoch wegen der Arbeitsbedingungen, sondern wegen "unzureichender Reinigungsqualität", teilte eine Sprecherin der Hotelkette mit. Für die Zimmermädchen wird sich vermutlich nichts ändern. Denn: Eine der Nachfolgefirmen ist dem Anwalt Marc Fochler leider "gut bekannt. Gegen die haben wir auch schon Verfahren geführt."

Der Mindestlohn wurde eingeführt, um mehr Gerechtigkeit in die Arbeitswelt zu bringen. Stattdessen scheint er zu immer mehr Ungerechtigkeit zu führen. Manche Kellnerinnen beschweren sich, ihnen werde plötzlich eine Kostenpauschale für Wasser und Kaffee vom Lohn abgezogen, für Getränke, die sie während ihrer Arbeitszeit zu sich nehmen. Einige Tierpfleger müssen ihre freien Tage an Feiertagen abbummeln. Bäcker bekommen keine Zulagen mehr. Allerdings klagen nicht nur diese um den Mindestlohn Betrogenen, es klagen auch nicht nur die Gewerkschaften, die die Interessen der Niedrigverdiener vertreten.

Einer der Wortführer des Widerstandes gegen den Mindestlohn ist der CDU-Abgeordnete Carsten Linnemann, der auch Chef der CDU-Mittelstandsvereinigung ist. Ein freundlicher Mann, der in seinem Berliner Bundestagsbüro erklärt, es gehe nicht grundsätzlich gegen den Mindestlohn, man müsse allerdings "dieses Bürokratiemonster" bändigen, sonst werde die deutsche Wirtschaft beschädigt. Mit dem "Bürokratiemonster" meint Linnemann die neue Dokumentationspflicht: Wer einem Angestellten weniger als 2.958 Euro bezahlt, muss jetzt dessen Arbeitszeit notieren – und die Zahlen für Kontrollen des Zolls bereithalten. Viele Unternehmer hätten Alarm geschlagen, sagt Linnemann, sie könnten die Auflagen nicht bewältigen, die staatlichen Kontrollvorschriften gingen viel zu weit, das müsse man ernst nehmen. Linnemann weiß inzwischen die Kanzlerin Angela Merkel an seiner Seite, auch CSU-Chef Horst Seehofer fordert "schnellstmögliche" Korrekturen. Arbeitsministerin Nahles von der SPD hat eine sorgfältige Prüfung bis Ostern angekündigt.

Der Mindestlohn bringt nichts, sagen die einen. Er muss unbedingt abgeschwächt werden, sagen die anderen. Wie passt das zusammen?

Für manche wirkt das Projekt Mindestlohn wie aus der Zeit gefallen, für andere ist es dringend notwendig: Nach Jahren der Deregulierung erlässt der Staat wieder Regeln für den Arbeitsmarkt. Wer vor ein paar Jahren noch als "Ich-AG" glücklich werden musste, soll jetzt nicht mehr auf sich allein gestellt sein.

Am Bodensee, an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen, befasst sich der Soziologe Dirk Baecker seit einigen Jahren neben der Kulturtheorie der Computergesellschaft vor allem mit der Soziologie der Arbeit. Anders als andere Wissenschaftler kann man ihn nicht so leicht einem politischen Lager zuordnen. Er soll helfen, zu verstehen, was "eine der größten Sozialreformen der Geschichte", wie die Sozialdemokraten die Einführung des Mindestlohns nennen, für die hochkapitalisierte Bundesrepublik des Jahres 2015 bedeutet. Baecker hält eine Art Vorlesung, bestehend aus drei Kapiteln: "Die Wette", "Die Angst" und "Die Kritik".

Erstes Kapitel: Die Wette. Baecker schmeckt einem Wort nach: "Lohn". So nennt man nur das Einkommen von abhängig Beschäftigten – von Menschen also, die eher wenige Möglichkeiten haben, darüber zu bestimmen, wie sie arbeiten wollen. An der Höhe des Mindestlohns – und der Debatte darum – lässt sich in Baeckers Augen vor allem ablesen, welche Arbeitsverhältnisse unsere Gesellschaft für zumutbar hält und welche nicht. "Es ist die Wette der Politik auf die Möglichkeit ihrer Einflussnahme", sagt Baecker. "Ob sie diese Wette gewinnt, müssen wir erst noch schauen."