Der Konferenzraum, in dem Oliver Eiler sitzt, ist so kahl, dass es hallt. Der Geschäftsführer des Berliner IT-Unternehmen Columba ist 34 Jahre alt, er trägt ein schwarzes Sakko über einem dunklen Pulli. Seine Geschäftsidee ist einzigartig in Deutschland: ein Onlineschutzpaket, das Hinterbliebenen hilft, die Spuren des Verstorbenen im Netz aufzuspüren und löschen zu lassen. Wie eine Brieftaube übermittelt Columba dabei nur die Informationen, ohne selbst mitzulesen. Columba ist der lateinische Name der Feldtaube, die als besonders zuverlässig gilt.

Fragt man Oliver Eiler, wie er auf dieses Geschäftsmodell kam, erzählt er drei Geschichten, eine als Unternehmer und zwei als Privatperson. Eiler studierte Wirtschaft und gründete 2005 gemeinsam mit seinem Bruder eine Werbeagentur in München. Als sie im Auftrag eines großen Unternehmens Werbepost verschicken mussten, erhielten sie Postadressen, die noch aus den 1960er Jahren stammten. Sehr wahrscheinlich waren viele Kunden in der Zwischenzeit verstorben. Weil das niemand überprüft hatte, war die Werbung ziemlich ineffektiv. Als Unternehmer ärgerte er sich, dass es kein Angebot zur Bereinigung von Adressdatenbanken auf dem Markt gab.

Die privaten Geschichten: Vor einigen Jahren starb Eilers Mutter, er kümmerte sich um ihren Nachlass. Noch ein Jahr nach ihrem Tod musste er Firmen darüber informieren. Immer wieder packte er Sterbeurkunden in Umschläge und verbrachte viel Zeit in Warteschleifen von Service-Hotlines. Die Bürokratie belastete ihn, er hätte sich mehr Raum für die Trauer gewünscht.

"Es geht nicht um den Tod, sondern um eine Dienstleistung für Lebende"

Dann starb ein guter Freund, und Eiler erhielt Monate nach dessen Tod eine E-Mail von einem kostenpflichtigen Karrierenetzwerk: Ob er dem Freund zum Geburtstag gratulieren und ihm eine Flasche Wein schicken möchte? Eiler rief die Witwe an. Sie wusste nichts von der Mitgliedschaft ihres Mannes. Die Gebühr, die Monat für Monat von der gemeinsamen Kreditkarte abgebucht wurde, war ihr in der Zeit der Trauer nicht aufgefallen.

Eiler wurde bewusst, dass die Menschen mit einem Nachlass konfrontiert werden, der zu immer größeren Teilen aus digitalen Daten besteht. Und dass es niemanden gibt, der ihnen hilft, diese Art Nachlass zu verwalten. Eiler beschloss, das zu ändern. "Ich sah ein echtes Problem und wollte es lösen."

Macht es ihm nichts aus, permanent mit dem Tod konfrontiert zu sein? Er schüttelt den Kopf. "Es geht bei uns nicht um den Tod, sondern um eine Dienstleistung für Lebende", sagt Eiler.

2012 gründete Eiler seine Firma Columba. Er und seine Mitarbeiter zogen damals durch ganz Deutschland, um Internetfirmen und Bestatter als Partner zu gewinnen. Eineinhalb Jahre später nahmen die ersten Bestattungsunternehmen das Onlineschutzpaket in ihr Angebot auf. Inzwischen haben sich 1.000 Bestatter dafür entschieden, die Hälfte des deutschen Marktes ist abgedeckt.

Und wie funktioniert die digitale Nachlassverwaltung nun eigentlich? Eiler erklärt: Ein Angehöriger bucht es zum Pauschalpreis bei einem Bestatter. Der schickt die verifizierte Sterbeurkunde an Columba und erteilt den Auftrag. Laptop oder Handy des Toten werden nicht benötigt. Stattdessen werden die Datenbanken der Onlinefirmen in einem automatisierten Prozess, den Columba patentiert hat, gescannt. Der Erbe erhält per Mail ein Passwort für ein geschütztes Webportal. Dort sind etwa vier Wochen nach Auftragserteilung die Seiten aufgelistet, auf denen der Verstorbene aktiv war. Nun kann der Hinterbliebene entscheiden, ob er Verträge übernehmen oder löschen lassen möchte. Das Schutzpaket läuft über sechs Monate, damit alle Daten erfasst werden können. Bei Namensdubletten oder wenn sich ein Anton auf einer Seite Toni nennt, prüfen die Columba-Mitarbeiter manuell, ob es wirklich der Verstorbene ist.

Um die Wirksamkeit seines Produkts zu verdeutlichen, erzählt Eiler die Geschichte einer Arzt-Witwe, die das Schutzpaket gebucht hatte. Da die Praxis ihres Mannes im gemeinsamen Haus war, riefen auch nach seinem Tod noch Leute an, um einen Termin zu vereinbaren. Durch das Onlineschutzpaket wurden Einträge auf mehreren Branchenportalen im Netz ausfindig gemacht und gelöscht. So verschwand die Telefonnummer schließlich.

Noch ist die Nachfrage nach der digitalen Nachsorge verhalten. 3.500 Schutzpakete hat Eiler in den vergangenen zwei Jahren verkauft, das ist nicht viel, aber er sieht das gelassen. "Wir investieren in ein System, das Normalität werden soll", sagt Eiler. Und solange es diese Normalität noch nicht gibt, hilft er großen Onlineunternehmen dabei, ihre Daten zu bereinigen. Mit 250 solcher Onlinefirmen kooperiert Columba. Sie bezahlen dafür, dass er ihre Systeme nach verwaisten Profilen durchsucht. Columba kann diese Dienstleistung anbieten, weil die Firma die Sterbedaten von den Bestattungsunternehmen erhält. Im Gegenzug beteiligt Eiler sie am Erlös, den er durch die Bereinigungen der Onlinesysteme erhält. Da die Daten von Verstorbenen keinem Schutz mehr unterliegen, dürfen die Bestatter sie weitergeben. Columba aber betreibt damit keinen Handel. Sobald die Mitarbeiter wissen, dass ein Mensch tot ist, speisen sie die sogenannte Sterbeinformation in das System der Online-Unternehmen ein.

Digitale Nachlassverwalter werden überall auf der Welt gebraucht

Columba wächst, auch wenn die Firma noch im Minus steht. In diesem Jahr wurde die Mitarbeiterzahl um ein Drittel auf 50 Angestellte aufgestockt. Gesucht werden weiterhin Programmierer und Vertriebler, die neue Kooperationspartner wie Krankenkassen und Energieversorger gewinnen sollen. Langfristig möchte Eiler ein Angebot schaffen, das alle Formalitäten im Sterbefall regelt – egal, ob auf analogem oder digitalem Weg. In diesem Jahr kommt das Schutzpaket in Österreich und England auf den Markt, 2016 sollen die USA folgen. Eilers Vision: weniger Bürokratie für Trauernde in der ganzen Welt.