Julianne Moore kann großartig ausflippen. Ihr liegen Frauenfiguren, deren Labilität sich in hysterischer Entgrenzung äußert, wie es bei der alternden Schauspielerin Havana Segrand in David Cronenbergs Maps to the Stars (2014) der Fall ist. Vom Schreikrampf bis zur Handgreiflichkeit ist bei dieser Havana in jeder Minute alles drin. In Tom Fords A Single Man (2009) signalisierten schon die überdimensionale Turmfrisur, die spinnenbeingroßen Kunstwimpern und die periodische Beschwipstheit, dass dem weiblichen Charakter, den Julianne Moore darstellte, Eigenschaften wie Mäßigung und Zurückhaltung nicht unbedingt zur Verfügung stehen.

Aber vielleicht ist Julianne Moore im entgegengesetzten Charakterspektrum noch eine Spur interessanter. Wenn sie sich ins Innere zurückzieht, wenn ihr sommersprossiges, blasses Gesicht mit der scheinbar transparenten Haut zu einer Leinwand wird, auf der sich das Drama zurückgehaltener Verzweiflung und zurückgedrängter Tränen abspielt. Gerade weil Julianne Moore so herrlich exzentrisch sein kann, spielt sie sich mit Rollen in die Königsklasse der Schauspielkunst, die ihr Introversion abverlangen: Frauen, die sich – wie in dem Liebesmelodram Dem Himmel so fern (2002) – nicht gehen lassen dürfen, weil die Gesellschaft es verbietet. Oder Frauen, die sich nicht gehen lassen wollen, weil jede Sekunde des Kontrollverlusts ein Schritt auf dem Weg in die Krankheit ist. Denn es handelt sich um eine Krankheit, die das Gehirn und somit den Verstand zerstört, um Alzheimer.

Still Alice heißt der Film, in dem Julianne Moore eine Frau verkörpert, die ihrem scharfen Intellekt eine Karriere als Linguistik-Professorin an der Columbia University verdankt und weiß, dass sie in naher Zukunft nichts mehr wissen wird, weil sie an Alzheimer leidet. Nicht, wie die drei erwachsenen Kinder heißen. Nicht, was eine Columbia sein soll. Nicht, wo sich im Strandhaus der Familie die Toilette befindet. Und nicht, wer sie selbst ist. Es gibt keine körperliche Veränderung oder äußere Entstellung, auf die Julianne Moore die Darstellung des Krankheitsverlaufes stützen könnte. Was Alzheimer im Gehirn der fünfzigjährigen, glücklich verheirateten New Yorker Professorin Alice Howland anrichtet, kann sie nur mit ihrem Gesicht erläutern, ja, genau genommen nur mit den Augen und ihrem immer ratloser, hilfloser und leerer werdenden Blick.

Um die grandiose Leistung Julianne Moores in Still Alice umfänglich zu honorieren, muss man sich klarmachen, wie schmal der Grat ist, der den schleichenden, latent sichtbaren Prozess geistiger Entleerung von den Klischeebildern der Verblödung trennt. Und was es heißt, die absolute Wehrlosigkeit einer Frau zu zeigen, die gerade noch als Akademikerin brillierte und sich nun wie ein Kleinkind einnässt, weil sie den Weg zur Toilette nicht findet, und gleichzeitig die Würde dieser Frau als Subjekt zu wahren. Die Zurückhaltung, mit der Julianne Moore derart heikle Szenen anlegt, geht letzten Endes nicht nur auf das Konto großer Schauspielkunst, sondern auch auf das künstlerischer Moral. Dafür musste es den ohnehin längst verdienten Oscar ganz einfach geben.

Das Drehbuch, das auf dem Romanbestseller Mein Leben ohne gestern basiert, von Richard Glatzer und Wash Westmoreland entwickelt und verfilmt wurde, kommt dieser Zurückhaltung allerdings entgegen. Für die Verhältnisse des amerikanischen Erzählkinos, das Krankheitstragödien und daraus folgende Familientragödien liebt, ist Still Alice so nüchtern-realistisch wie möglich und so sentimental ergreifend wie nötig. Es gibt weder schmachtende Dialoge noch gewollt steigernde Kollateraltragödien in der Familie der Alzheimerpatientin. Der Ehemann John (mit zärtlicher Robustheit von Alec Baldwin dargestellt) wird für Alice da sein, aber er wird sein eigenes Leben nicht für sie aufgeben. Die Kinder Anna, Tom und Lydia (großartig: Kristen Stewart) sind, was den Plot entpathetisiert und auf Alice konzentriert, alt genug, um einen Weg zwischen Selbstfürsorge und Fürsorge zu finden. Ein Film, der bei diesem Thema in keine einzige Falle tappt, muss deswegen kein cineastisches Meisterwerk sein. Aber höchst anerkennenswert ist er auf alle Fälle. In der ersten Szene feiert Alice Howland mit dem Ehemann und den Kindern ihren 50. Geburtstag im Restaurant. In der zweiten steht sie vor einem Hörsaalpublikum und hält einen Vortrag über kindlichen Spracherwerb. Die pralle Lebensfülle einer zeitgenössischen Frau auf ihrem biografischen Zenit entfaltet Still Alice so zügig wie glaubhaft.

Ein winziger Riss tut sich auf. Mitten im Vortrag fällt Alice ein Begriff nicht ein. Sie stockt, überspielt den Moment mit einem Scherz. Kurz danach erlebt sie den nächsten rätselhaften Aussetzer. Beim Joggen auf dem Campusgelände kennt sie sich plötzlich nicht mehr aus. Alice spürt: Etwas stimmt nicht. Etwas, das nichts mit Stress oder den Wechseljahren zu tun hat.

Ab nun ist ihr die Disziplin anzusehen, sich nicht gehen zu lassen, ihren Verstand zusammenzureißen, weil das Gegenteil der Krankheit in die Hände spielt. Kontrolliert bis in jeden Gesichtsmuskel, teilt sie bei einer Familienkonferenz den Kindern mit, dass sie an einer Form von Alzheimer leidet, die vererbbar ist. Und auf dem Höhepunkt des verzweifelten Versuchs, die Kontrolle über ihr sich auflösendes Selbst zu bewahren, sitzt sie vor dem Rechner und nimmt ein Video auf, für die Alice, die sie in naher Zukunft sein wird.

Man muss sich Julianne Moore einfach anschauen, in dieser Rolle einer überwältigend liebenswerten und zur Liebe fähigen Frau, deren Gehirn zu dem Kind zurückkehrt, das sie ganz am Anfang des Lebens war.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio