Nach zwei Stunden und zwei Minuten sind Thomas Muster und Ronald Leitgeb am Ziel ihrer Träume. Muster hat den Amerikaner Michael Chang im Finale der French Open 1995 besiegt. 7 : 5, 6 : 2, 6 : 4. Er reckt die Hände in den Himmel und lässt sich rücklings in den roten Sand des Center Court fallen. Auf der Tribüne ballt sein Trainer und Manager die Faust: Es ist der Höhepunkt seines Lebens. Musters Siege verschafften "Ronnie" Erfolg – und nichts macht erfolgreicher als Erfolg. Im Sog des Duos wuchs auch das österreichische Tennis über sich hinaus: Leitgeb hat es groß gemacht. Dabei kamen ihm beste Kontakte in Politik, Wirtschaft und Medien zugute. Mit Michael Spindelegger ging er in die gleiche Klasse, und gerne erzählt er, wie er seinem Freund Alfred Gusenbauer mit Rat zur Seite stand.

Zwanzig Jahre nach dem Triumph von Paris hat der Nimbus des Muster-Machers an Strahlkraft verloren. Mit dem "Thomas-Muster-Weg" wollte er den österreichischen Tennisverband (ÖTV) reformieren, doch seine Bilanz als Präsident ist ein Scherbenhaufen. Nun liegt das heimische Tennis am Boden.

Die Sonne durchflutet Leitgebs geräumiges Büro im dritten Wiener Gemeindebezirk. Ein Luster, weiche Ledersessel, ein Konferenztisch. So könnte das Wartezimmer einer Schönheitsklinik aussehen, wären da nicht die Trophäen im Regal und die Bilder von Tennisspielern an der Wand. Der Blick aus dem Panoramafenster der Dachgeschosswohnung hat etwas Erhabenes. Leitgeb steht über den Dingen. Er ist freundlich. Das Ensemble aus grauer Hose, schwarzem Pulli und dunkelblauem Jackett signalisiert lässige Eleganz. Am Handgelenk blitzt eine Rolex. Dazu verströmt er einen dezenten Duft. Mit 55 Jahren sind die Haare ergraut – aber in den Augen brennt noch das Feuer. Nach wie vor lodert das, was ihn ganz nach oben brachte: sein unbändiger Ehrgeiz. "Ist das was Schlechtes?", fragt er. Nein. Aber etwas Interessantes. Auch zwischen ihm und Muster habe ständig "gesunder competition" geherrscht, erzählt Leitgeb. Der Wettbewerb war sein Schlüssel zum Erfolg.

Als Kind begeisterte ihn die Mutter für Eiskunstlauf, und er trainierte im Sportzentrum Südstadt Kondition. Bei Gunnar Prokop, dem impulsiven Schleifer, der die Handballdamen von Hypo Niederösterreich an die Spitze Europas peitschte. "Er ist ein Lebensmensch von mir." Leitgebs Vater, ein Psychologe, saß gern im Traiskirchner Rathauskeller und studierte die Menschen. Sein Sohn brachte es zum Juniorenmeister im Paarlauf und belegte Rang drei bei österreichischen Meisterschaften.

Leitgeb hatte den Goldesel im Stall, alle liebten den brüllenden Muster

Mehr durch Zufall lernte Leitgeb Muster kennen, als er neben dem Medizinstudium als Sportreporter für Ö3 jobbte. Der große Tennisstar Ivan Lendl suchte einen Sparringspartner, und Leitgeb, der gute Kontakte hatte, vermittelte Muster. Lendls Manager erkannte dessen Talent, fand aber keine Zeit, ihn zu betreuen. Da sprang Leitgeb ein. "Ich konnte den Buben ja nicht allein lassen", sagt er heute jovial. Mit ein paar Dollar in der Tasche fuhren sie zum ersten Turnier nach Nigeria, wo es Militärcheckpoints auf den Straßen gab und im Hafen von Lagos täglich Leichen angespült wurden. Das Risiko machte sich bezahlt: Ab 1990 hatten die beiden keine Geldsorgen mehr. Seit 1985 lebt Leitgeb in Monaco, obwohl er Jachten hasst. Lieber schwingt er den Golfschläger oder setzt sich an den Steuerknüppel eines Flugzeugs. Wenn er in Wien ist, pflegt er im Hotel Imperial zu speisen. Wie viel er von Musters Einnahmen bekommen hat, habe er vergessen. "International sind zwischen 10 und 20 Prozent üblich. Thomas und ich hatten andere Arrangements, weil ich am Anfang mehr beigetragen habe." Doch auch von anderen Sportlern, die Leitgeb betreute, soll er kräftig kassiert haben. Ein Nachwuchsspieler, den seine Firma IMS 1998 unter Vertrag nahm, musste 50 Prozent abliefern. Erst bei einer besseren Platzierung als Platz 100 in der Weltrangliste waren 30 Prozent vorgesehen.

In den 1990ern sorgten Thomas Muster, Horst Skoff und Alexander Antonitsch im Davis Cup für Furore – und Leitgeb hatte den Goldesel im Stall. Die Medien liebten das smarte mastermind des brüllenden Steirers. Bei den Scharmützeln zwischen Skoff und Muster, die sich regelmäßig auf dem Platz beschimpften, saß er auf dem längeren Ast als Skoffs Trainer Günter Bresnik – mit dem er heute noch spinnefeind ist. Beide stammen aus Mödling.