Es waren nur Stelltafeln, knapp hundert an der Zahl, mit Texten und Landkarten, mit Fotos und Faksimiles. Kostbare Originalobjekte gab es keine. Doch trotz dieser völlig unspektakulären, soldatisch kargen Gestaltung sollte die Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung, Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944, Deutschland und Österreich aufwühlen wie keine historische Ausstellung zuvor. Am 6. März vor genau 20 Jahren wurde sie im Hamburger Kulturzentrum Kampnagel eröffnet.

Ihre These: Die drei großen Verbrechenskomplexe der Nazizeit – die Diktatur, der Krieg und der Völkermord – lassen sich nicht voneinander trennen. Neben der NSDAP war die Wehrmacht die zweite tragende Säule des Regimes. Nicht nur die SS, sondern auch die Armee hat sich, vor allem im Osten, etlicher schwerer Kriegsverbrechen schuldig gemacht und war am Holocaust aktiv beteiligt.

Die Diskussion um die Wehrmachtausstellung geriet – nach den Debatten um den Auschwitz-Prozess Anfang der sechziger und die US-Fernsehserie Holocaust Ende der siebziger Jahre – zur dritten und vorerst letzten großen Auseinandersetzung über die NS-Zeit. Auf ihrem Höhepunkt erreichte sie sogar das Parlament: Am 13. März 1997 diskutierte der Deutsche Bundestag in einer Aktuellen Stunde die Thesen der Ausstellung. Es wurde eine legendäre Debatte.

Die Schau gastierte zunächst in über dreißig deutschen und österreichischen Städten. 1999/2000 wurde sie überarbeitet, nachdem Kritik an einigen falsch zugeordneten Fotos laut geworden war. Anschließend reiste die neu gestaltete, erweiterte Fassung (Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1944), die eine Historikergruppe unter Ulrike Jureit erarbeitet hatte, bis Anfang 2004 noch einmal durch ein Dutzend Orte. Insgesamt zählte die Ausstellung anderthalb Millionen Besucher.

Bereits vor der Eröffnung 1995 luden Marion Gräfin Dönhoff und Theo Sommer in die Redaktionsräume der ZEIT zu einer großen Diskussionsrunde, deren Protokoll wir in der ZEIT-Ausgabe vom 3. März 1995 auf mehreren Sonderseiten veröffentlichten. Zu den Teilnehmern gehörten neben Historikern und Vertretern von Soldatenverbänden auch der Ausstellungsmacher Hannes Heer und zwei ehemalige Wehrmachtoffiziere: Helmut Schmidt und der langjährige Intendant des WDR und spätere Präsident des Goethe-Instituts, Klaus von Bismarck.

Exakt 20 Jahre danach haben wir jetzt zwei Teilnehmer der Runde, Helmut Schmidt und Hannes Heer, zum resümierenden Gespräch gebeten, dazu den Historiker Habbo Knoch, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität zu Köln. Noch einmal geht es um die Fragen von damals: Was war geschehen? Was konnte der Einzelne wissen? Aber auch: Was ist von der Ausstellung geblieben? Und wie hat sie unseren Blick auf den Krieg und Hitlers Armee verändert?