Umerziehungsfantasien. Es dauert ungefähr eine halbe Stunde, dann ist man so weit. Dann wünscht man ihnen einen mehrmonatigen Zwangsurlaub an den Hals, den Einwohnern des kleinen Dorfes Appel im Landkreis Harburg, das einer der beiden Schauplätze der Dokumentation von Carsten Rau und Hauke Wendler ist. Am besten in Syrien, Tschetschenien, Eritrea. Auf jeden Fall weit weg von den Jägerzäunen, den sauber gestutzten Hecken und Butzenscheibenfenstern, hinter denen sie über die Zumutung brüten, die man ihrer Gemeinde antun will: 53 männliche Flüchtlinge sollen in einem ehemaligen Pflegeheim untergebracht werden! So sieht es der sogenannte Königsteiner Schlüssel vor, der die Verteilung von Asylbewerbern auf die Bundesländer regelt. So will es der Landkreis.

Die Einwohner von Appel aber wollen es nicht. Da ist der alleinstehende Rentner, der verträumte Worte über das satte Grün der Bäume in seinem Garten findet und sagt: "Wir können nicht die Anlaufstelle für ganz Afrika sein." Da sind die Dorfbewohner bei der Info-Veranstaltung in der Gaststube des Hotels Deutsches Haus, die sich darüber aufregen, dass das Dorf mit Ankunft der Flüchtlinge zu einem Viertel "aus Asylanten" bestünde – in Wahrheit wären es nicht mal drei Prozent. Da sind die Mütter des Dorfes, die, wenn die Flüchtlinge kommen sollten, ihre Töchter nicht mehr auf die Straße schicken wollen, weil "diese Menschen ja auch gewisse Bedürfnisse haben". Da ist der SPD-Bürgermeister, der im Interview vor der Kamera darüber sinniert, wie die EU-Subventionen die Landwirtschaft der Fluchtländer ruiniert, und der im Gemeinderat dann doch die Hand hebt, wenn zur Abstimmung steht, dass der Umbau des Pflegeheims zur Flüchtlingsunterkunft verhindert werden soll. All diese anständigen deutschen Bürger: Soll man ihnen nicht die Hölle an den Hals wünschen, aus der die Flüchtlinge kommen?

Doch irgendwann kippt der Groll. Zumindest ein wenig. Natürlich kommt das Flüchtlingsheim nicht. Ist ja nur ein Verwaltungsakt: Einfach eine Veränderungssperre beschließen, schon ist’s vorbei mit der Umbaugenehmigung für das Pflegeheim. Aber dabei bleibt es nicht. Der garstige Rentner, der doppelzüngige Bürgermeister und all die anderen Dorfbewohner: Am Ende bemühen sich die Biedermänner darum, einen Ausgleich zu schaffen. Sie reden mit dem Betreiber des Deutschen Hauses. Sie bieten den Behörden an, elf Betten einzurichten. 25 Euro pro Nacht inklusive Frühstück. "Wir sind alle bereit, was zu tun", sagt der Hotelier, "wenn wir dadurch das große Projekt verhindern können."

Die halb versöhnliche Geschichte von den Fremdenfeinden, die doch gern ein paar Fremde aufnehmen, ist nur eine von mehreren Geschichten, die Willkommen auf Deutsch erzählt. Alle handeln sie von jenem monströsen Missverhältnis: Hier das ungeheure Flüchtlingsschicksal, dort die deutsche Unterbringungsgewissenhaftigkeit. Hier das pakistanische Ehepaar, er Muslim, sie katholisch, die erzählen, wie sie wegen ihrer Heirat von religiösen Fanatikern bedroht werden. Dort der Leiter des Containerdorfes, das wegen des verhinderten Flüchtlingsheims in Appel schnell irgendwo ins Niemandsland gepflanzt werden musste. Hier die tschetschenische Mutter mit ihren sechs Kindern, deren Mann im Bürgerkrieg verschollen ist. Dort der Leiter des Fachbereichs Soziales, der sich in der umgebauten Sparkasse, wo diese Familie unterkommt, den "Nassbereich" zeigen lässt, der "nach Hygieneverordnungen zur Körperpflege" umgebaut worden ist.

Alles korrekt umgesetzt – und alles scheint zu sagen: Haut bloß wieder ab!

Wie Integration dann doch möglich wird, davon erzählt Willkommen auf Deutsch – am Beispiel der tschetschenischen Familie, die in der Ex-Sparkasse der Gemeinde Tespe wohnt, dem zweiten Schauplatz des Films. Die 21-jährige Larisa kümmert sich um ihre fünf Brüder, weil die Mutter im Krankenhaus liegt. Als der Behördenbescheid kommt, dass sie allein – ohne ihre minderjährigen Brüder – nach Polen abgeschoben werden soll, klappt sie zusammen und landet nach einem Treppensturz im Krankenhaus. Zwei Rentnerinnen aus dem Dorf springen ein, kümmern sich um die Kinder, geben ihnen Deutschunterricht und versuchen, die Dublin-III-Bestimmungen des europäischen Migrationsrechts zu verstehen.

Willkommen auf Deutsch erzählt nicht von Gut- und Schlechtmenschen, nicht von armen Opfern und herzlosen Vollstreckern. Die Filmemacher zeigen, was in der deutschen Provinz passiert, wenn abstrakte Fremde zu realen Nachbarn werden – oder zu werden drohen. Und gerade weil sie nichts anprangern, wird die große Ratlosigkeit deutlich, die sich hinter dem TÜV-geprüften Abliefern von Hilfsdienstleistungen verbirgt.

Ganz am Ende des Films fordert Fachbereichsleiter Kaminski – randlose Brille, norddeutsche Nüchternheit – eine Reform der Flüchtlingspolitik. Er fordert sie nicht wie ein linker Aktivist, sondern wie ein Apparatschik, der nach Beurteilung der Lage feststellen muss: So kann der Apparat nicht weiterlaufen.

"Willkommen auf Deutsch". Premiere im Abaton, Allendeplatz 1, 8. März, 17 Uhr. Regulär ab 12. März.