DIE ZEIT: Sie gehören zu der ersten Generation in Israel, die von Kind an Hebräisch spricht. Was ist das für ein Gefühl, als erster Mensch in der Familie eine Sprache zu sprechen?

Amos Oz: Als ich ein Kind war, sprachen alle über Vierzigjährigen um mich herum andere Sprachen. Nur wir Kinder sprachen Hebräisch. Ich dachte, wenn ich erst einmal 40 bin, spreche ich ebenfalls Jiddisch. Als wäre Jiddischsprechen eine Sache, die erst mit dem Alter kommt.

ZEIT: Ihre Eltern waren osteuropäische Intellektuelle, die elf Sprachen beherrschten. In Ihren Romanen beschreiben Sie diese erste Einwandergeneration so, als hätte sie ein dunkles Geheimnis, an das man nicht rühren darf.

Oz: Mein autobiografischer Roman Eine Geschichte von Liebe und Finsternis ist eine Tragikomödie über die ersten Einwanderer. Sie hofften, ihre Herkunft zu vergessen, aber sie war unauslöschbar, sie steckte in ihren Träumen, in ihren Gefühlen und in ihren Büchern.

ZEIT: Als ich den Roman las, hatte ich das Gefühl, zum ersten Mal wirklich zu verstehen, was es hieß, hier in der Wüste bei null anzufangen.

Oz: Das ist eine Illusion, niemand fängt je bei null an. Menschen können sich verändern, sie wechseln ihre Sprache, ihre Religion und ihre Ideologie. Aber sie werden niemals neu geboren.

ZEIT: Glaubten Sie als junger Mann nicht, dass es möglich sein muss, sich selbst neu zu erfinden?

Oz: Als ich 14 war, rebellierte ich gegen die Welt meines Vaters. Ich änderte meinen Namen. Ich wollte werden, wie er nie gewesen war. Er war ein Gelehrter, ich wollte Traktorfahrer werden. Er war ein Intellektueller, ich wollte Farmer werden. Er war ein Rechtsnationaler, ich wollte Sozialdemokrat werden. Er war ein kleiner Mann, ich wollte ein groß gewachsener Mann werden. Wie Sie sehen, ist mir nichts davon gelungen. Ich bin ein kleiner Mann und sitze hier in meiner Wohnung voller Bücher. Ich tue genau das, was mein Vater von mir wollte.

ZEIT: Man wird die Eltern in sich nicht los?

Oz: Das geheime Gespräch mit den Toten hört nicht auf. Mein Vater starb vor 45 Jahren, und noch immer streite ich an jedem Tag mit ihm. Wenn die Eltern sterben, bücken wir uns, heben sie auf, stecken sie irgendwo in uns hinein und sind für den Rest unseres Lebens mit ihnen schwanger. Jeder Mensch ist eine Art Matroschka und trägt die Traumata, die Sehnsüchte und die Enttäuschungen der vorangegangenen Generationen mit sich herum.

ZEIT: Ihre Eltern haben versucht, dieser Wiederholungsschlaufe zu entkommen. Sie haben Ihnen keine der elf europäischen Sprachen beigebracht, die sie sprachen.

Oz: Sie dachten, wenn ich auch nur eine europäische Sprache spräche, würde ich vom tödlichen Charme Europas verführt, würde dort hinfahren und würde ermordet. Denn das machen Europäer mit Juden, sie bringen sie um.

ZEIT: Sie wollten Europa vergessen.

Oz: Wie hätten sie es vergessen können! Niemand ist wirklich an dem Tag geboren, der in seinem Ausweis steht. Wir sind lange davor geboren.

ZEIT: Ihre Eltern waren sehr unglücklich.

Oz: Das versteht sich von selbst. Sie wurden aus Europa vertrieben. Zum Glück, denn hätte man sie in den dreißiger Jahren nicht vertrieben, hätte man sie in den vierziger Jahren umgebracht. Sie liebten Europa, aber Europa liebte sie nicht zurück.