"Waterlohnd", sagt sie und lächelt dabei. Das Lächeln von Anne Weber ist speziell: Etwas Unergründliches ist darin, dazu ein Resthauch von Ernst, der wohl nie ganz verschwindet. "Pansehrdifisjon", fügt sie dann noch hinzu, und das Lächeln weitet sich. Ihr Passwort für die Pariser Nationalbibliothek lautet ausgerechnet "Panzerdivision", jener Kosename, den ihr ein französischer Freund gegeben hat: Sie schreibt davon gleich am Anfang ihres neuen Buches Ahnen. Wie alle Bücher der in Paris lebenden deutschen Autorin erscheint auch dieses alsbald auf Französisch: Vaterland heißt es jenseits des Rheins – ein Fremdwort auf dem Buchumschlag, das aber die Leser verstehen werden. Sprache und Worte, Klang und Bedeutungen, alles im Wandel, alles im Fluss – wir sind mittendrin in der Hemisphäre von Anne Weber, die uns auf dem Sofa ihrer klischeehaft schönen Pariser Intellektuellenwohnung im 19. Arrondissement gegenübersitzt. Wie weich und alles andere als hartdeutsch klingen Vaterland und Panzerdivison, wenn sie französisch ausgesprochen werden.

Anne Weber lebt zwischen diesen beiden Welten, seit sie, Tochter einer alleinerziehenden Lehrerin aus Hessen, mit 18 als Au-pair-Mädchen nach Paris kam und blieb. Sie studierte hier und arbeitete dann in einem Verlag, im Lektorat, französisch denkend und schreibend. Irgendwann versuchte sie es mit Prosa, ihre ersten Romane schrieb sie tatsächlich auf Französisch und übersetzte sie anschließend ins Deutsche; seit einigen Jahren hält sie es umgekehrt. Sie ist zudem eine der wichtigsten deutsch-französischen Übersetzerinnen, und zwar in beide Richtungen: Sibylle Lewitscharoff und Wilhelm Genazino, Pierre Michon, Marguerite Duras und Éric Chevillard wurden von ihr übertragen. Schon diese Lage als deutsche Autorin in Paris, dauerhaft in beiden Sprachen zu Haus, gibt ihr eine Sonderstellung in der deutschen Gegenwartsliteratur. Tatsächlich ist sie zudem eine aufregend eigenwillige, preisgekrönte, seltsamerweise immer noch zu wenig bekannte Schriftstellerin.

Tief, sehr tief in die deutsche Welt allerdings dringt ihr jetziges, neuntes Buch ein, tief hinein in das 20. Jahrhundert, in deutschen Geist und deutsche Familien; Himmler kommt vor, Walter Benjamin und Hugo von Hofmannsthal tauchen kurz auf. Ahnen – in diesem Titel schwingt bereits feine Doppeldeutigkeit mit – ist eine Annäherung an Anne Webers Urgroßvater, an Florens Christian Rang, einen ziemlich seltsamen, bis heute mysteriösen Denker, der von 1864 bis 1924 lebte, erst als Jurist arbeitete, dann als Theologe. Rang ist eine jener Randfiguren der Geistesgeschichte, die auflodern für kurze Zeit, um nach ihrem Tod nur noch von wenigen Eingeweihten gekannt zu werden.

Die Autorin hat nun aber nicht etwa ein ordentliches biografisches Porträt eines verdienstvollen Vorfahren geschrieben, sondern ein Zeitreisetagebuch, wie der Untertitel lautet. "Ich denke mir die Zeit, die zwischen uns beiden liegt, als einen Weg", heißt es in dem Buch. Sie erzählt von ihrer Annäherung an diesen Urgroßvater und dabei immer wieder auch von der Art und Weise, wie die Vergangenheit in die Gegenwart hineinreicht. Die Beschäftigung mit der Familie, mit Vater und Großvater, wäre wahrlich nicht originell. Es wimmelte ja in den vergangenen Jahren nur so von deutschen Herkunftsgeschichten auf dem Markt. Anne Webers Buch ist aber das "Journal einer Erkundungsreise": Wir sehen ihr zu, wie sie denkt, reflektiert und nachforscht, wie sie diese Familiengeschichte in Scheibchen zerlegt, sich selbst immer wieder ins Wort fällt, kommentiert, Persönlichstes preisgibt, zaudert, sich ängstigt, neu ansetzt – und dabei kraftvoll vorankommt. Fasziniert erleben wir diese Form literarisch-essayistischer Prosa, mit der Anne Weber einen neuen intellektuellen und künstlerischen Maßstab für die literarische Identitätssuche setzt. Etwas Symbolisches kommt hinzu: Die Autorin wurde 1964 geboren, in den geburtenstärksten deutschen Jahrgang hinein – auch für diesen scheint also die Vergangenheit immer noch virulent zu sein.

Jeder Leser kann Anne Weber zuschauen, wie sie mit Personen und Stoff ringt, die Sprache abtastet. "Das Buch hat einen moralischen Ansatz", bekennt Weber im Gespräch: "Wie kann ich mit den Verstorbenen umgehen?" Sie hat sich für die flexibelste Erzählform entschieden, wechselt Ebenen und Perspektiven, um keine vorschnellen Eindeutigkeiten zu erzeugen – und, ein wirklich besonderer Kunstgriff, relativiert sich selbst immer wieder ganz virtuos. Wenn sie wütend ist, brüllt sie ihren imaginierten Urgroßvater schon mal an: "Du Fußnote, schreie ich ihn an. Du Randvermerk." Das Material aus Archiven hat sie durchforstet, die biografischen Details setzt sie als genaue Rückversicherung für ihre Fantasie ein.