Heritage for Peace, sagt Teijgeler, war die erste Organisation, die auf diese Experten für ihr eigenes Land zugekommen ist. Man lud die Archäologen zu Trainingscamps ein, eine Gruppe nach Beirut, eine andere ins türkische Gaziantep. Und übte dort, was unter Kriegsbedingungen nun der Alltag dieser Männer geworden ist. Inmitten der Kampfhandlungen, bedroht von Scharfschützen und Luftschlägen, richten sie ihre Zoom-Objektive auf die zerstörten Stätten und schicken die Aufnahmen noch von dort über ihre Laptops an Isber Sabrine, der die Dokumente systematisch archiviert. Einer der Monuments Men ist bei dieser Arbeit bereits erschossen worden.

Wo die Archäologen auf Spuren von Raubgrabungen stoßen, verschütten sie bereits gegrabene Löcher wieder und verwischen Spuren, um den Fortgang der Plünderungen zu behindern. Manche geben sich als Kaufinteressenten geraubter Objekte aus und schicken die Fotos, die sie im Zuge der gespielten Verhandlungen machen, an Isber Sabrine, der die Aufnahmen an Kriminalbehörden weiterleitet. Denn nur wenn Objekte später identifizierbar sind, kann der illegale Handel mit ihnen auch nachverfolgt und geahndet werden. Beinahe 2.000 Objekte, erzählt Sabrine, darunter zum Beispiel aus Gebäuden abgenommene Mosaiken, hätten die Archäologen außerdem beiseitegeschafft und in Privathäusern irgendwo in der syrischen Provinz versteckt. Die Monuments Men sind lokal stark verwurzelt, das eröffnet ganz spezielle Möglichkeiten. So verweist Teijgeler auf den spektakulären Fall eines Archäologen, der in seinem Ort auch als Imam respektiert wurde. Weshalb es ihm gelang, die gefürchteten Dschihadisten der Nusra-Front mit religiösen Argumenten dazu zu überreden, von einer Plünderung abzulassen. Ein mittelfristiges Ziel seiner Organisation, sagt Teijgeler, war es, einen hochrangigen sunnitischen Kleriker zur Erklärung einer Fatwa zu bewegen, die die Zerstörung von Kulturgut als Vergehen gegen den Glauben verurteilt. Eine solche hat der Großscheich der Al-Azhar-Universität nun, nach der Zerstörung von Nimrud und Ninive, tatsächlich abgegeben.

Sabrine und Teijgeler kritisieren die Unesco und andere Organisationen dafür, dass sie schlechter mit ihnen kooperieren, als es möglich wäre. Die egoistische Konkurrenz um Fördergelder verhindere oft ein geschlosseneres Zugreifen und gehe auf Kosten der eigentlich gemeinsam geteilten Ziele. Andererseits könnte insbesondere die Unesco, auch wenn sie es wollte, nicht so agieren, wie Heritage for Peace es tut. Auch nur einen Mitarbeiter über die Grenze nach Syrien zu bringen ist der Unesco aus staatsrechtlichen Gründen verboten. Außerdem kann sie überhaupt nur mit Staaten verhandeln, die in den UN organisiert sind, nicht aber zum Beispiel mit formloseren Gebilden wie der oppositionellen Exilregierung oder der Freien Syrischen Armee. Das ist aber in Syrien dringend nötig. Alle Parteien, also der IS und die Al-Kaida-nahe Nusra-Front, die Freie Syrische Armee und das Assad-Regime, finanzieren sich und ihre Waffen zu einem großen Teil aus Plünderungen und Raubgrabungen. Heritage for Peace ist erklärtermaßen politisch neutral und dem freiwilligen Verhaltenskodex des Roten Kreuzes unterworfen. Deshalb kann diese Organisation auch mit allen Parteien sprechen. Und als großen Erfolg verbuchen, dass es bereits gelungen ist, zumindest den Staatssekretär der Oppositionsregierung und Mitglieder der Antikenverwaltung erstmals zu einer Verhandlung an einen Tisch zu bringen. Das war im letzten April im spanischen Santander, und am Ende stand zumindest das: eine gemeinsame Deklaration zum Schutz des syrischen Kulturerbes.

Monuments Men? Ja, genau: Die gab es schon einmal. Diese amerikanische Militäreinheit machte im Zweiten Weltkrieg die Raubkunstlager der Nationalsozialisten ausfindig und stellte in Salzbergwerkstollen oder dem Schloss Neuschwanstein sicher, was nicht dorthin gehörte. Der Genter Altar, Michelangelos Brügger Madonna und Vermeers Malkunst fanden dank dieser Einheit, die offiziell unter dem Namen Monuments, Fine Arts and Archives geführt wurde, wieder an ihre eigentlichen Orte zurück. Die Männer, die dafür gesorgt hatten, waren halb Soldaten, halb Zivilisten – und irgendwie umgab sie auch die Aura exzentrischer Dandys. Ihre eigentlichen Berufe waren Bildhauer, Diplomat, Kurator oder Schriftsteller, und so wie diese Intellektuellen auf hehrer Mission mitten im Krieg unterwegs waren, ist es kein Wunder, dass George Clooney den filmreifen Stoff im letzten Jahr auf die Leinwand gebracht hat.

An einem ganz anderen Bebilderungswerk arbeitet Isber Sabrine zurzeit in Berlin. Syrian Heritage ist ein vom Auswärtigen Amt bezahltes Gemeinschaftsprojekt des Deutschen Archäologischen Instituts und des Islamischen Museums. Es heißt Syrian Heritage und baut aufgrund zigtausender Fotografien und Karten, die im Archiv dieser Berliner Institute lagern, sowie aktuell geschossener Bilder des jeweils selben Geländes eine weltweit einzigartige digitale Datenbank syrischer Kulturgüter auf, die auf der technischen Grundlage von Google Maps auch die jüngsten Zerstörungen sichtbar werden lässt. Außerdem beobachtet es weltweit den illegalen Handel mit islamischer Kunst aus dieser Gegend und stellt seine Erkenntnisse wiederum für Ermittlungen des BKA zur Verfügung. Die Defizite der Verbrechensbekämpfung schreien leider zum Himmel: Nur drei Polizeibeamtinnen sind in Wiesbaden dafür spezialisiert; zugleich lassen die Auktionshäuser weltweit, darunter auch eBay, jeglichen Anstand vermissen: Als Vorbesitzer uralter und nun für jedermann im Internet zum Verkauf stehender Kulturgüter werden zum Beispiel solche Subjekte wie "a Gentleman from West London" aufgeführt.