Der einflussreichste deutsche Fernsehfilm der vergangenen Jahre war nicht Das Adlon, Der Turm oder Unsere Mütter, unsere Väter. Es ist ein achtminütiger Schulungsfilm über die Westermanns: Papa Ralf ist Polizeikommissar, Mama Doris Angestellte in Teilzeit. Mit ihren zwei Kindern, einer Tochter und einem Sohn, leben sie im niedersächsischen Örtchen Belm, zehn Kilometer entfernt von Osnabrück. In dem Clip zeigen die Westermanns ihr Haus – es ist ihr eigenes; sie erzählen, dass sie am liebsten im Wohnzimmer fernsehen, und zwar Sendungen aus der Region, Ratgeberfernsehen und Sport. Genauso wie die allermeisten anderen Norddeutschen zwischen 50 und 59 Jahren. Die Teenager? Kommen kaum zu Wort.

Herr und Frau Westermann sind der statistische Durchschnitt: das normalste Ehepaar Norddeutschlands. Deshalb können sie auch "alles erklären", wie es im Filmchen heißt – alles, was der NDR braucht, um Quote zu machen. Die Quote, das ist der prozentuale Anteil der Fernsehzuschauer, die gerade eine bestimmte Sendung sehen.

Seit 2010 prägt die Familie Westermann den NDR. Knapp fünf Jahre waren sie das Leitbild des Senders. Fernsehen machen für die Westermanns, das bedeutet: Babyboomer ansprechen, die als Kinder die Mondlandung im Fernsehen sehen durften, mit Willy Brandt aufwuchsen, dreißig wurden, als die Mauer fiel. Fernsehen machen für die Westermanns, das bedeutet: all diejenigen nicht unbedingt ansprechen, die nach 1960 geboren sind.

Beim NDR wurden am Anfang der Ära Westermann 400 Plastikwürfel an die Mitarbeiter verteilt. Auf deren sechs Seiten sind Fotos von Mama Westermann, Papa Westermann und der Familie im Strandkorb zu sehen, gewissermaßen als Gedächtnisstütze für die Redakteure und Reporter. Seht her, sagen die Würfel, das hier sind die Menschen, für die ihr im NDR Programm zu machen habt! Sie erinnern an das sogenannte Eroberungsmilieu, die 50- bis 59-Jährigen, die der Sender seit einigen Jahren verstärkt gewinnen will. Denn das Durchschnittsalter der Fernsehzuschauer des NDR liegt bei über 60 Jahren. Während der Sender dieses ältere Publikum noch leicht erreicht, gibt er die Jungen weitgehend verloren; die treiben sich lieber auf YouTube herum oder laden amerikanische Serien herunter.

Deswegen hat der NDR die Mitte-50-Jährigen und damit die Westermanns zur Zielgruppe erkoren. Sie sollen die über 60-Jährigen ergänzen als treue und sichere Zuschauerbasis.

Auch weil die Westermanns älter werden, ist der Sender nun dabei, ein neues Leitbild für sein Fernsehprogramm zu entwickeln. Dafür hat der NDR eine "umfangreiche Publikumsstudie" angefertigt. Ob nun die nächste Familie Schmidt heißt oder wie bei anderen öffentlich-rechtlichen Sendern "Zielgruppe bürgerliche Mitte" – das Ziel bleibt, wie in vielen anderen Anstalten auch, das gleiche: Möglichst viele Menschen sollen die Sendungen ansehen, damit der Marktanteil möglichst hoch ist. Eine hohe Quote halten viele Anstaltshierarchen für überlebenswichtig. Sie fürchten, dass die Sender schlimmstenfalls ihre Existenzberechtigung verlören, wenn weniger Menschen einschalteten.

Die Sorge ist nicht unberechtigt: Warum sollten alle in Deutschland lebenden Menschen Rundfunkbeiträge zahlen, wenn nur ein Bruchteil einschaltet? Deshalb versuchen ARD und ZDF, eine möglichst massentaugliche Vollversorgung anzubieten, und kaufen zum Beispiel für Hunderte Millionen Euro die Rechte an Fußballübertragungen.

Doch über derlei massentaugliche Übertragungen hinaus tun sie nicht viel, um alle Generationen anzusprechen. Sie machen vor allem Programm für Menschen, die schon Fernsehzuschauer sind – und entwickeln wenige Formate, mit denen sie verlorene Zuschauer erreichen.

An einem Dritten Programm wie dem NDR lässt sich gut zeigen, warum das so ist. Gerade in den Dritten Programmen wäre es möglich, sich nicht sklavisch an Einschaltquoten zu halten und Neues auszuprobieren, risikolos. Wenn Innovation im Fernsehen entstehen kann, dann dort. Doch ein Blick hinter die Kulissen zeigt, warum sich das System so schwer damit tut.

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen soll einen Bildungsauftrag erfüllen. Aber das Ziel der Sender ist häufig die höchste Quote.

Die Westermann-Ära gilt innerhalb des NDR als großer Erfolg. Der Marktanteil des Senders in Norddeutschland stieg seit 2010 von 7,4 auf 8,2 Prozent. Der NDR ist damit quotentechnisch nach dem MDR (9,0 Prozent) das zweiterfolgreichste Dritte Programm. Die ARD, die traditionell mehr geguckt wird, hatte vergangenes Jahr im Vergleich einen Marktanteil von 12,5 Prozent. Der Anspruch der Programm-Macher ist, dass populäre Formate wie Shows, Filme und Serien über dem Durchschnitt liegen sollten. Außerdem gilt: Vormittags ist eine Quote von acht Prozent akzeptabel, abends zur Primetime muss sie auf jeden Fall zweistellig sein. Das ist der schlichte Grund, warum die vielen preisgekrönten Dokumentationen, die in der ARD produziert werden, oft erst spätnachts gesendet werden.