Wenn die Art Basel Hong Kong am 14. März ihre Türen öffnet, werden die weltweit wichtigsten Galerien für moderne und zeitgenössische Kunst präsent sein – 231 Aussteller insgesamt, davon rund die Hälfte aus Asien. Die Messe ist eine Erfolgsgeschichte, und auch die restliche Kunstszene in Hongkong entwickelt sich mit enormer Geschwindigkeit: 2019 soll am Victoria Harbour mit dem M+ das erste Kunstmuseum Asiens eröffnen, das es mit der Tate Modern in London und dem Centre Pompidou in Paris aufnehmen kann. Kürzlich hat der Schweizer Sammler Uli Sigg dem Museum seine umfangreiche Kollektion übergeben. Tobias Berger, geboren 1969 in Wiesbaden, ist Kurator am M+.

DIE ZEIT: Herr Berger, Sie leben in einer Stadt, die von der Regierung in Peking kontrolliert wird. Können wir offen über Kunst und Politik reden?

Tobias Berger: Ja, klar. Das ist ja das Gute an Hongkong als chinesischer Sonderverwaltungszone: Es gibt keine Maulkörbe. Das war auch ein Grund, weshalb Uli Sigg seine Sammlung nach Hongkong gegeben hat und nicht nach China. Er musste hier keine Zensur fürchten. In China hätte kein staatliches Museum Siggs Sammlung akzeptiert, sie umfasst einfach zu viele politische und kritische Arbeiten, Werke von Ai Weiwei zum Beispiel. Auch eine Messe wie jetzt in Hongkong wäre in Peking oder Shanghai schlicht nicht möglich. Man bekommt die Kunstwerke nur schwer nach Festlandchina hinein, die müssen alle geprüft werden, und das dauert. Man kann sie zum Teil nicht ausstellen. Und dann bekommt man sie auch schwierig aus dem Land hinaus. Bestimmte kritische Werke dürfen Sie nicht aus China exportieren. Welcher Galerist oder Sammler will sich das antun?

ZEIT: Es gibt noch andere gute Gründe für die Messe, in Hongkong zu sein.

Berger: Ja, die sind bestens bekannt: keine Steuern, keine Kapitalmarktkontrolle. Es läuft alles easy. Auch deshalb ist die Kunstmesse hier.

ZEIT: Reden wir über die Demonstrationen: Wie haben sie die Stadt und die Kunstszene verändert?

Berger: Auf jeden Fall haben sie in der Studentengeneration viel bewirkt, weil die Studenten gemerkt haben, dass sie auch eine Stimme haben. Die Auswirkungen wird man erst in zehn bis fünfzehn Jahren richtig begreifen.

ZEIT: Hat sich die Kunstszene in Hongkong durch die jüngsten Proteste politisiert?

Berger: Die Kunst in Hongkong war immer konzeptueller und politischer als die im restlichen China. Interessanterweise haben die Proteste dazu geführt, dass die herkömmliche Kunstproduktion fast für ein halbes Jahr stillgestanden hat. Wenn man bekannte Künstler in Hongkong fragte, woran sie so in letzter Zeit gearbeitet haben, lautete die Antwort oft: "An nichts. Wir waren bei den Protesten." Die Kreativität verlagerte sich aus dem Atelier auf die Straße.

ZEIT: Was bedeutet die Messe eigentlich für die Stadt und für die Kunstszene?

Berger: Als ich 2005 nach Hongkong kam, gab es nicht eine Galerie, die internationale Kunst gezeigt hat. Es existierte wirklich nichts. Ich habe dann drei Jahre den nicht kommerziellen Ausstellungsraum Para/Site Art Space geleitet. In dieser Zeit etablierten sich einige kleinere Galerien, aber im Grunde war die Szene sehr überschaubar. Die Kunstmesse hat das auf einen Schlag geändert: Sie hat die Stadt für die internationalen Galerien attraktiv gemacht, für Gagosian, White Cube oder Lehmann Maupin. Einmal im Jahr ist Hongkong jetzt der Nabel der Kunstwelt. Natürlich mag es aus europäischer Sicht befremdlich wirken, dass etwas so vom Markt Beeinflusstes wie eine Kunstmesse ein Auslöser für Veränderung sein kann. Aber die Messe hat die Entwicklung der Kunstszene in Hongkong sichtbar beschleunigt.