Es ist nicht lange her, da wurde in Amerika laut über Luftangriffe auf den Iran nachgedacht. Heute gehen die Außenminister der beiden Erzfeinde durch Genf spazieren, freundlich miteinander plaudernd.

Wir haben uns an solche friedvollen Bilder gewöhnt. Zu sehr vielleicht. Denn Dramatisches steht bevor. Die Verhandlungen über das zulässige Ausmaß und die internationalen Kontrollen des iranischen Atomprogramms nähern sich ihrem Finale: Bis zum 20. März wollen die Unterhändler aus Amerika, China, Russland, der EU und dem Iran eine Grundsatzeinigung, bis zum 30. Juni ein Gesamtpaket samt technischen Details zustande bekommen. Die Zeit drängt, weil weiteres Zuwarten nur die Gegner des Abkommens ermuntert.

Schon haben 47 Republikaner aus dem US-Senat einen Brief an Ali Chamenei geschrieben, den politischen Führer des Irans. Darin drohen sie, ihr Präsident könne gar nichts Verbindliches unterschreiben, denn für eine Ratifizierung fehle ihm die Mehrheit – und Obamas Nachfolger werde die Abmachung ohnehin zerreißen.

Bei den Iran-Verhandlungen sind die Russen überraschend konstruktiv

Eine Illoyalität ohne Beispiel. Völkerrechtlich irrig zudem, denn wenn alle Beteiligten etwas vereinbaren, noch dazu unterstützt vom Sicherheitsrat der UN, dann ist das sehr wohl bindend. Verhandlungstaktisch war die Pöbelei recht einfältig, denn jetzt sehen die Mullahs seriöser aus als die Krawallbrüder aus dem Kapitol.

Störfeuer kam zuvor auch von Benjamin Netanjahu, der vor dem US-Kongress gegen jedes Abkommen wetterte, das dem Iran Zugang zur Nukleartechnik gestattete. Den Zuhörern war bewusst, dass Israel im äußersten Fall sogar die Atomanlagen bombardieren könnte. Doch auch der israelische Ministerpräsident spielt letztlich der iranischen Führung in die Hände: Sie kann, kommt es jetzt zu einem Deal, ihrem Volk triumphierend berichten, er sei gegen den Widerstand Tel Avivs erzielt worden.

Anders als der Westen tritt die iranische Seite derzeit geschlossen auf. Präsident Hassan Ruhani steht im Wort, durch Verhandlungen die drückenden Sanktionen loszuwerden, ohne die Atomtechnik – den Stolz der Nation – opfern zu müssen. Deshalb hat der Westen letztlich nur die Wahl zwischen zwei Szenarien:

Das eine umfasst eine Abmachung, die das Atomprogramm des Irans einer strengen Überwachung unterwirft, Obergrenzen für Umfang und Qualität der Urananreicherung sowie Auflagen für Reaktoren und Forschung festlegt und im Gegenzug die Sanktionen aufhebt – eine Vereinbarung, die für etwa ein Dutzend Jahre geschlossen wird. Danach greifen die für alle Unterzeichner des Atomsperrvertrages gültigen Inspektionsregeln, oder man muss neu verhandeln. Einen Vorgeschmack auf dieses Szenario gibt die seit fast anderthalb Jahren geltende Zwischenlösung, der gemäß der Iran sein Programm weitgehend eingefroren und einer weltweit beispiellosen Kontrolle unterworfen hat.

Das andere Szenario ist kurz beschrieben: keine Übereinkunft. Stattdessen unkontrolliertes Atomprogramm. Viel Vergnügen.

Welches der beiden Szenarien gäbe Israel, jener am meisten betroffenen Nation, wohl mehr Sicherheit? Einwenden ließe sich, Teheran könnte an den Kontrollen vorbei heimlich Bomben bauen. Doch wenn die Inspektionen die ganze Kette vom Uranerzabbau bis zur Waffentechnik erfassen, dürfte das schwerfallen – viel schwerer jedenfalls als im Szenario Nummer zwei.

Leider bringen auch die islamischen Rivalen des Irans nicht die Weisheit auf, sich für einen Deal auszusprechen: Riad, Kairo und Ankara interpretieren ein Abkommen mit dem Iran als Aufwertung des verhassten Schiiten-Regimes. Das genügt ihnen bereits, um dagegen zu sein. Ein Scheitern der Verhandlungen wiederum könnte sie dazu verführen, nuklear aufzurüsten.

Barack Obama will den Deal unbedingt. Noch mehr Instabilität in der Region kann er, der sich eigentlich dem pazifischen Raum zuwenden wollte, nicht gebrauchen. Mit dem Iran hätte er außerdem einen weiteren Kampfgenossen gegen den IS; dass Chamenei an der Seite Assads steht, nimmt er dafür in Kauf. Und sollte es Obama gelingen, sowohl den Kuba- als auch den Iran-Komplex seiner Nation zu überwinden, wäre ihm ein Ehrenplatz in den Geschichtsbüchern sicher.

Und Europa? Die iranischen Raketen reichen bis nach Rom, die Nahostregion ist unser Nachbar. Vor zwölf Jahren, als zwischen den USA und dem Iran noch eisiges Schweigen herrschte, hatten Europäer, namentlich die Deutschen, die ersten Atomverhandlungen angestoßen. Auch heute spielt Europa eine wichtige Rolle, meistens in Person der deutschen EU-Diplomatin Helga Schmid. Es wirft seine wirtschaftlichen Verbindungen mit der Region und sein nukleartechnisches Know-how in die Waagschale.

Auf dem Spielfeld sind auch die Russen: In den Verhandlungen mit dem Iran verhalten sie sich ausnahmsweise konstruktiv. Sie verdienen an der iranischen Atomindustrie und sehen das Land als potenziellen Verbündeten, ein Iran mit Atomwaffen wäre auch ihnen ein Horror.

Was dieser Tage am Genfer See verhandelt wird, ist Weltgeschichte. Kommt es nicht zur Einigung, drohen ein Krieg zwischen Israel und dem Iran sowie die allgemeine Nuklearrüstung in einer hochexplosiven Region. Gelingen die Verhandlungen jedoch, könnte der Iran aus dem Status des Paria heraustreten – vorausgesetzt, er trickst nicht wieder.

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