Neun Jahre nur Reis waren genug. Vor einigen Monaten hat Dagobert beschlossen, zusätzlich Gemüse oder Obst zu essen. Ein wenig zumindest. Es waren ein paar Mangelerscheinungen aufgetreten. Aber der preiswerte Parboiled-Reis eines Lebensmitteldiscounters ist immer noch Ernährungsgrundlage. Neben der Spüle liegt eine aufgerissene Plastikverpackung.

Mehr brauche er nicht, sagt Dagobert, ja eigentlich brauche er kaum etwas. "Ich hab doch schon alles", sagt er, "ich bin glücklich."

Da ist er wieder: Dagobert, der singende Sonderling. Der selbst ernannte "Schnulzensänger aus den Bergen", dessen Lebensgeschichte zu unglaublich klang, um bloß erfunden zu sein. Diese seltsame Schweizer Mischung aus Dandy, armem Poeten und Hans im Glück, der nach fünf Jahren absoluter Abgeschiedenheit, radikaler Reisdiät und diversen Nahtoderfahrungen aus den verschneiten Alpen heruntergestiegen kam, ein Ränzlein voller Lieder auf dem Rücken. Lieder eines musikalischen Kaspar Hausers, geschult an Vorbildern wie Hank Williams, den Scorpions oder den Flippers. Lieder, die in seiner neuen Heimat Berlin von den zuständigen Coolness-Experten schnell zum neuen heißen Scheiß erklärt wurden, nach den ersten Auftritten, bei denen Dagobert extravagante Anzüge in kreischenden Farben trug, die ihm seine Schwester, eine Lehrerin und Hobby-Modemacherin, geschneidert hatte.

Dagobert, hieß es, habe den Schlager für Hipster erfunden.

Nun, zwei Jahre nach dem Debüt, erscheint das Nachfolgealbum Afrika. Sehr viel üppiger arrangiert, abwechslungsreich instrumentiert, die Melodien noch ausladender, die Geste noch raumgreifender. Dagobert sitzt in seiner Küche, trägt etwas Schwarzes zwischen Strampelanzug und Rennfahreroverall von seiner Schwester und sagt: "Das mit den Hipstern wurde völlig übertrieben." Klar, ein paar von denen hätten bei seinen Konzerten auch herumgestanden. Aber die stünden eh überall herum. Er hat ganz andere Pläne: "Mein Ziel ist es, als Erster einen deutschsprachigen Nummer-eins-Hit in den USA zu landen."


Darauf einen Tee. "Die Kräuter kommen aus dem Garten meiner Mama", sagt Dagobert und gießt noch eine Tasse ein. Mamas Garten liegt im Kanton Aargau, wo Lukas Jäger, so steht es in seinem Pass, aufgewachsen ist. Mit 22 Jahren zieht er sich zurück nach Pigniu, ein winziges Graubündener Bergdorf auf 1.300 Meter Höhe, weil er dort im leer stehenden Haus seines Schwagers umsonst wohnen kann. Er will bloß ein paar Monate bleiben, Musik machen, sich klar werden. Er bleibt fünf Jahre.

Er trinkt aus Bächen, schläft auf Wiesen, spricht monatelang mit keinem Menschen. "Ich habe keine Zukunft gesehen, keinen Weg zurück in die Gesellschaft", erzählt er. Er träumt von Afrika. Dort war er noch nie, aber dort soll es ja zumindest warm sein: "Also habe ich beschlossen, auch das letzte bisschen Zivilisation aufzugeben, mich zu Fuß auf den Weg nach Afrika zu machen und dort als Nomade zu leben." Kein Lächeln, kein Zwinkern, der meint das ernst. Im Titelsong des neuen Albums singt er: "Für mich ist hier kein Platz mehr frei / Mein Menschenleben ist vorbei / Nun werde ich zum Tier / Und gehe fort von hier." Noch ein Schluck Kräutertee, dann sagt er: "Das ist eine romantische, verklärte, naive Idee, natürlich. Eine Idee, die vielleicht nur eine andere Art von Selbstmord war. Aber unmöglich ist es nicht."