Der letzte von nicht eben übermäßig vielen Vorhängen ist noch im Fallen, da erhascht man einen Blick auf Rolando Villazón, den Regisseur des Abends, der vielsagender und rührender nicht sein könnte. Im Glauben, jener letzte Vorhang sei bereits gefallen, ganz und gar, dreht sich der Mexikaner vom Publikum weg und dem Ensemble auf der Bühne zu – und explodiert körpersprachlich geradezu: 1.000 Volt umknistern seinen Lockenschopf, und mit weit ausgestreckten Armen scheint er gleichzeitig den Schnürboden einreißen und jeden Sänger und Choristen einzeln herzen zu wollen. Aus Emphase. Aus Erleichterung nach dieser schweren Puccini-Geburt. Und aus Liebe zur Oper.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 12.03.2015.

Diese kleine Szene am Rande rührt einen, weil sie das Wesen des Multitalents Villazón auf den Punkt bringt: Egal, ob er singt, Cartoons zeichnet oder Romane schreibt, stets gilt er als Brausekopf und großer Unbedingter – und das ist er auch, jenseits jeder Allüre. Seiner Gesundheit hat dieses "Hier stehe ich und kann nicht anders" geschadet, weil die Stimme Villazóns immenser Ausdruckslust auf Dauer nicht standhalten konnte. Beim Regieführen indes erzeugt dieselbe Entschlossenheit, sonderbar genug, eher so etwas wie Umsicht, Blässe und Betulichkeit. Als habe Villazón sich an La Rondine ("Die Schwalbe"), die unbekannteste aller Puccini-Opern, nicht richtig herangetraut. Als wollte der Funke, der seine eigene Künstlerpersönlichkeit entzündete, partout nicht überspringen: weder auf Johannes Leiackers Bühnenbild, das sich zwischen Tizian und Magritte in surrealistischen Anspielungen ergeht, ohne je atmosphärisch zu sein, noch auf die Protagonisten, die sich in adretten Zwanzigerjahre-Kostümen (Brigitte Reiffenstuel) an der Rampe der Deutschen Oper Berlin rekeln. Vielleicht hatten diese aber auch einfach zu viel Respekt vor dem Kollegen Startenor.

La Rondine – begonnen 1914, uraufgeführt 1917 in Monte Carlo – ist ein Zwitter zwischen Oper und Operette und erzählt die Geschichte der schönen Magda, einer Pariser Lebedame, die sich zwar zur großen Liebe verführen lässt, am Ende aber doch darauf verzichtet, weil sie die gusseiserne Bürgerlichkeit hinter aller Romantik fürchtet. Süffig ist die Musik, auf Dauer etwas einfältig, umso stärker strotzt sie vor Zitaten und Querverweisen. Man fragt sich allerdings, was Puccini mitten im Ersten Weltkrieg zu solchem Kitsch hat greifen lassen ("schlechter Lehár", ätzte sein Verleger Ricordi) – und man fragt sich auch, wo bleibt die eigene katastrophische Zeitgeschichte angesichts einer derart züchtigen Aufführung? Den sprichwörtlichen Tanz auf dem Vulkan kann Rolando Villazón jedenfalls kaum im Sinn gehabt haben, dafür hätte er es wenigstens einmal richtig brodeln lassen müssen. So wie früher.