Das Ich ist eine Sache der Nacht. So gegen ein Uhr an einem Wochentag, da beginnt seine Stunde. Das Wir ist schon ins Bett gegangen, die Online-News schlummern und schieben keine Ich-losen Themen mehr nach, der Journalismus mit seinem immer angespannten Verhältnis zur Ich-Geschichte macht Pause. Die Nachrichten des vergangenen Tages sinken dann langsam aus der Objektivität herab in die eigenen Sorgen, die man sich nachts so macht. Ein Uhr an einem Wochentag, das ist die Stunde von Domian. Seit 20 Jahren geht der WDR-Moderator Jürgen Domian um diese Uhrzeit in Radio und Fernsehen auf Sendung und spricht mit Anrufern, die nicht schlafen können oder wollen. Sie vertrauen dem verehrten Domian und der seltsam verschworenen Gemeinschaft der Nichtschlafenden ihr Persönlichstes an: ihre Meinungen, ihre außergewöhnlichen sexuellen Vorlieben, ihre seltenen Krankheiten, die traurigen Schicksale und hoffnungsvollen Wendungen in ihrem Leben, banale und existenzielle Ich-Geschichten. Domian hört ihnen zu, fragt nach, gibt auch mal einen Rat, aber hauptsächlich ist er eben auch noch wach, wie tröstlich. Bald aber wird selbst er sich früher ins Bett legen: Er werde im kommenden Jahr, nach 20 000 Gesprächen, seine Sendung beenden, kündigte Domian an. Er habe sehr große Lust, mal wieder die Morgensonne zu sehen. Dieselbe Morgensonne, die der besorgte Domian-Z uhörer oft nur so sieht wie in Philip Larkins Gedicht Aubade: nach einer schlaflosen Nacht im Sonnenaufgang erblickend, was immer da ist – der rastlose Tod, jetzt noch einen Tag näher. "Making all thought impossible but how / And where and when I shall myself die." Die größte aller Ich-Geschichten eben. Nur wer hört sie sich in Zukunft an, nachts um eins, an einem Wochentag?