Die störenden "Kerben und Falten, die da so unbekämpft die Untermoisterisiertheit ihres Gesichts ausnutzen und fröhlich darin wuchern", missfallen Marian. Sie interpretiert das positiv, als Zeichen, dass sie ihre gegenwärtige Situation nur als Phase akzeptiert. Denn Marian hat in einem vergangenen "prächtigen, satten Leben" in Wien klare, unverschnörkelte Mode für die moderne Frau designt. Während der Weltwirtschaft langsam die Luft entwich und kaum noch jemand für einen Restaurantbesuch zahlen wollte, expandierte Marian. Ihr antizyklischer Unternehmergeist lohnte sich nicht; zunächst verlor sie ihre Boutique, die Marke, das Atelier, dann die Wohnung mit Dachterrasse, am Ende ihre Existenz. Geblieben sind ihr nur Schulden. Die Fältchen zählende Mittvierzigerin weiß natürlich, dass diese Delle im Lebenslauf genauso wenig verschwinden wird wie die Falten in ihrem Gesicht. Marian versteckt sich auf dem Land vor ihren Schuldnern, im alten Häuschen einer verstorbenen Tante.

Wald, der dritte Roman der Österreicherin Doris Knecht, betreibt in dieser Rekonstruktion eines Abstiegs erstaunlich wache Gegenwartsanalyse. Souverän zeichnet die Autorin hier nach, wie die ökonomischen Krisen heruntertröpfeln und als persönliche Krisen weiterwüten. Marians Wandlung vom großstädtischen Luxusweibchen zur mittellosen Wilderin vollzieht sich beinahe en passant in diesem klug gebauten Roman. Zwischen Holzhacken und Fischfang spiegelt die Autorin den süßen Glanz der Vergangenheit, dem sich Marian in breit ausgeschmückten Rückschauen hingibt. Sie ist dabei von einem älteren Gutsherrn abhängig, dem sie als Gegenleistung zu Willen ist. Diese archaische Beziehung sichert ihr das Überleben, führt dieser aufgeklärten Frau aber unmissverständlich vor Augen, wie stark selbst intimste zwischenmenschliche Ebenen bereits ökonomisch korrumpiert sind.

In Doris Knechts kunstvollem, sehr österreichischem Stil wirkt jedes Wort sauber gewogen und gewählt. Reizende Austriazismen wie "amikal" oder "friktionsfrei" verstärken die lyrische Anmutung der Satzgefüge. Gegen Ende gerät dieses zeitgemäße Niederlagen-Epos allerdings selbst etwas friktionsfrei und schlägt eine unnötig tröstliche Note an. Bis dahin jedoch hat Doris Knecht einen Roman geschrieben, der als gelungene Parabel auf eine neue Archaik nach der Finanzkrise gelesen werden darf.