Kommissionschef Juncker ist für eine EU-Armee, die Kanzlerin, der Außenminister und die Verteidigungschefin sind es auch. Die Bayern haben einen Spruch dafür: "Man sagt ja nix, man redt ja nur." Den höchsten Realitätssinn zeigt Merkel: Ein "Zukunftsprojekt" sei es, bitte keinen Terminkalender.

Ein "Zukunftsprojekt" ist die Euro-Armee seit 1950. Damals hieß sie "Europäische Verteidigungsgemeinschaft"; sie kapitulierte 1954 in der französischen Nationalversammlung, die keineswegs la souveraineté über die Waffen aufgeben wollte – schon gar nicht im Verbund mit den besiegten Deutschen. Seitdem sind immer wieder Gemeinschaftsprojekte von hoher Symbol-, aber bescheidener Kampfkraft erfunden worden. Die Deutschen haben sich mit Franzosen, Niederländern und Dänen zusammengetan. Auf dem Papier steht das Eurokorps mit 50.000 Mann. Jetzt will die Bundeswehr ein Bataillon in die polnische Armee integrieren – und umgekehrt.

Doch das Uralt-Problem bleibt. Es heißt "Souveränitäts-", auf Deutsch: "Parlamentsvorbehalt". Der Bundestag hat das letzte Wort. Aber auch wo es "Parlamentsarmeen" nicht gibt, wird kein Land je die Entscheidung über Leben und Tod – den Kern seiner Hoheitsgewalt – outsourcen. Selbst der Artikel 5 der Nato überlässt "jedem für sich" die Einsatzentscheidung – erst recht im Schatten der Atombombe.

Eine Europa-Armee kann es nur geben, wenn es einen Bundesstaat namens Europa gibt: mit Regierung, Parlament und Staatsvolk. Schon die Dauerkrise des Euro dramatisiert täglich das existenzielle Manko. Und wo immer es um die "Große Politik" geht, verhandelt nicht die Außenkommissarin Mogherini mit dem neu-russischen Zaren Putin; das tun Hollande und Merkel. Von der Vorgängerin Ashton stammt das Bonmot: "Natürlich hat Europa eine Telefonnummer – meine. Wenn Sie anrufen, ertönt der Computer: ›Für Berlin Eins drücken, für Paris Zwei‹ ..."

Doch lassen wir Plaudereien à la Juncker. Die Schicksalsfrage ist, ob Europa in diesen Zeiten der näher rückenden Gewalt überhaupt strategisch handeln kann und will. Ein erhellendes Schlaglicht warf gerade eine Jerusalemer Konferenz zu "50 Jahre deutsch-israelische Beziehungen". Warum der deutsche Hang zur "Israelkritik", die fast immer mit "Amerikakritik" einhergehe? Die klügste Antwort ist nicht irgendein "Anti-Ismus", sondern: Diese beiden Flankenmächte des Westens haben ihren Clausewitz nicht abgelegt; sie betrachten das Militärische als integralen Bestandteil ihrer Außenpolitik – kein Wunder angesichts der Nachbarschaft.

Europa aber sehe sich als "normative Kraft", als "Friedensimperium", das seine historische Lektion gelernt habe und nun auf Wirtschaft, Institutionen, Kompromiss und das gute Beispiel setze (gelegentliche Ausnahmen: Paris und London). Folglich: "Nie wieder Krieg!" Das war die richtige Lektion, solange Europa unter dem Schutzschirm der USA eine Friedensinsel blieb. Diese aber ziehen sich zurück, derweil der Kriegslärm anschwillt.

Das Problem geht über die angepeilte Aufrüstung hinaus. Die Frage ist, ob dieses "normative Imperium" seinen Frieden mit den klassischen Mitteln bewahren kann, ob es Russland einbinden kann oder eindämmen muss – und zwar ohne amerikanische Assistenz. Es ist einfacher, Panzer zu bauen, als Strategie und Politik nach 70 Jahren Auszeit wieder zu vereinen.