Spätestens seit Goethes Faust weiß man, dass böse Kräfte auch Gutes schaffen können – und umgekehrt. Zwischen beiden Polen bewegt sich derzeit ein belgisches Unternehmen, das seit 35 Jahren in vielen Ländern grüne Spül- und Waschmittel verkauft. Ecover wurde für seine nachhaltig hergestellten Produkte hochgelobt. Umso mehr waren die Ökopioniere überrascht, als ihre jüngste "Weltneuheit" international zum Streitfall wurde.

Der Anlass für die Querelen: ein Waschmittel, dessen Tenside auf der Basis von Algenöl erzeugt werden sollen. Ecover entwickelte es in der Absicht, damit Palmöl zu ersetzen. Dieser Rohstoff, der aus Elaeis guineensis gewonnen wird, dient als Grundlage für Kosmetika, Biosprit und vor allem Lebensmittel. Um die steigende globale Nachfrage zu bedienen, werden häufig tropische Wälder in Westafrika und Südostasien abgeholzt oder Kleinbauern von ihrem Land vertrieben. Ecover bezieht deshalb schon länger Palmöl mit Nachhaltigkeitszertifikat. Doch die grünen Musterknaben wollten es noch besser machen. Das Algenöl spare Flächen, Wasser und CO₂-Emissionen, versicherten sie stolz.

Gut, oder?

Von wegen: Ein Sturm der Entrüstung brach los. Verfahren der Synthetischen Biologie würden hinter diesem angeblichen Fortschritt stecken, warnten 24 Umwelt- und Verbraucherorganisationen aus aller Welt: "Wir stellen jeden Anspruch infrage, Produkte aus diesem Öl seien 'natürlich', 'grün' und/oder 'ökologisch'", schrieben sie in einer Protestnote an den Firmenvorstand.

Also doch nicht so gut?

Ecover entschied sich, eine umfassende Debatte zu führen. Das Produkt kommt einstweilen nicht auf den Markt. Unfreiwillig wurden Hersteller und Produkt zum Testfall: für eine Forschungsrichtung, die auf einen milliardenschweren Zukunftsmarkt spekuliert. Und für die Frage: Wie einigt sich eine Gesellschaft über die Nutzung neuer Technologien, die unterschiedlich bewertet werden?

Auf der einen Seite träumen Wissenschaftler in staatlichen wie privaten Instituten weltweit davon, mittels Synthetischer Biologie vielfältig Gutes zu tun. Mit manipulierten Mikroorganismen wollen sie effizienter Diesel aus Biomasse produzieren, Schadstoffe aus der Umwelt beseitigen, künstliche Milch- oder Fleischprodukte erzeugen. In der Medizin hofft man, mit konstruierten Viren Krebszellen außer Gefecht zu setzen.

Vieles davon ist Zukunftsmusik, manches vermutlich Illusion. Doch 2013 kam das erste Produkt auf den Markt: der Pflanzeninhaltsstoff Artemisinin – ein Malariamittel, das der SynBio-Forscher Jay Keasling mit Mitteln der Bill-Gates-Stiftung dem Einjährigen Beifuß abgeschaut hatte. Es kann mithilfe gentechnisch veränderter Hefezellen billiger und zuverlässiger hergestellt werden als aus knappen pflanzlichen Rohstoffen und wird heute großtechnisch erzeugt.

Auf der anderen Seite aber warnen Umweltorganisationen, angeführt von Friends of the Earth und der technologiekritischen ETC Group in Kanada, die Synthetische Biologie berge womöglich Gefahren für Biodiversität, Gesundheit, Ökosysteme und die Lebensgrundlage vieler Bauern. Ihre Kritik nahm zu, als bekannt wurde, dass einige Unternehmen bereits Konsumgüter verkaufen, bei deren Herstellung neue Gentechnikmethoden eine Rolle spielen. Ecover machte sein Verfahren öffentlich – "und wenn du den Kopf raushälst, dann riskierst du, dass jemand draufhaut", sagt der Innovationsmanager des Unternehmens, Tom Domen.

Ein Grund für die Kontroverse ist, dass jeder unter dem Begriff etwas anderes versteht. Die einen sprechen erst von Synthetischer Biologie, wenn für industrielle Zwecke "künstliches Leben" regelrecht neu entworfen werden soll. Dafür kombinieren Teams aus Mikrobiologen, Chemikern und Informatikern die Buchstaben der Erbinformation am Computer neu, um sie anschließend Mikroorganismen einzuprogrammieren. Dabei können Organismen entstehen, die in der Natur nicht vorkommen. Die Befürworter dieser Forschung nennen SynBio in dieser Form "erweiterte", die Gegner "extreme" Gentechnik. Oder gleich Schöpferwahn, ja eine "Synde".

Ein Risiko für das Ökosystem?

Für Jim Thomas von der ETC Group und andere Kritiker aber beginnt Synthetische Biologie schon dort, wo andere einfach von Gentechnik sprechen. DNA-Sequenzen kann man heute billig entziffern und ganze Genome leicht ablesen. Zudem ist in den vergangenen Jahren eine Reihe neuer gentechnischer Werkzeuge entwickelt worden. Bei Pflanzen, Hefen und Bakterien können Gene verändert, ausgeschaltet oder von einem Organismus in den anderen übertragen werden; man versucht, Stoffwechselpfade und Kommunikationswege der Zelle zu verändern.

Ecovers Algenöl wurde in Kalifornien von dem Biotechunternehmen Solazyme entwickelt. Die wichtigste Algenvariante der Firma in San Francisco ist Prototheca moriformis, die vor 100 Jahren im Saft einer deutschen Kastanie entdeckt wurde. Sie wächst nur im Dunkeln. Deshalb züchten die "Algenisten" sie in einem Fermenter, nicht in flächenfressenden Teichen.

Prototheca reagiert von Natur aus auf Stress, indem sie Öl produziert. Tricks bei ihrer Züchtung, aber auch "geringste" gentechnische Eingriffe machten diesen Prozess effizienter, heißt es bei Solazyme. Statt auf 15 Prozent Fettanteil bringen es die Mini-Ölfabriken dann auf bis zu 80 Prozent. Nach Ernte und Trocknung presst man den gelblichen Saft heraus. Daraus lassen sich verschiedene Produkte herstellen, deren Grundlage sonst Palmöl oder fossile Rohstoffe wären.

Ursprünglich zielte die Forschung vor allem auf Biosprit, auch Flugkerosin. Biotreibstoff ist aber derzeit kaum konkurrenzfähig. Mit seinen Kunden entwickelt Solazyme deshalb vor allem Schmierstoffe und Öle für Kosmetika, fettarmes Eis – oder eben Tenside für Waschmittel. Nicht bei Lebensmitteln, aber für andere Zwecke schleusen die Entwickler dann schon mal ein Pflanzengen in die Alge ein, um sie für die jeweilige industrielle Anwendung maßzuschneidern. Oder sie schalten störende Eigenschaften gentechnisch aus.

Die Kritiker halten das Verfahren dennoch nicht für nachhaltig, schon weil die Algen auch ernährt werden müssen. Zuckerrohr wächst besonders reichlich in Brasilien, dort steht ein Großteil der Algentanks. Man treibe den Teufel mit dem Beelzebub aus, meint Jim Thomas: Womöglich müsse anstelle asiatischer Regenwälder die brasilianische Cerrado-Savanne den Plantagen weichen.

Ecover entgegnet, dass das verwendete Zuckerrohr vom Nachhaltigkeitslabel Bonsucro zertifiziert sei, das schließe Waldrodungen aus. Das werde nur unzureichend überprüft, gibt Thomas zurück. Und er fragt: Was werde passieren, sollten die genveränderten Algen in die Umwelt gelangen? Würden sie dann andere Stämme verdrängen? Würden Vögel und Fische beeinflusst, die sich von solchen Lebensformen ernähren?

Solazyme wiederum hält das Risiko für die Ökosysteme für äußerst gering. Die Mikroorganismen würden nicht im Freiland, sondern in abgeschlossenen Containern fermentiert. Im Öl selbst seien keine genetisch veränderten Organismen mehr enthalten, heißt es. Auch beim Umweltbundesamt in Deutschland gelten Mikroalgen allgemein als vertretbare Alternative zu den etablierten Rohstoffquellen bei der Herstellung von Tensiden. Die auf Ölproduktion getrimmten Organismen seien weit davon entfernt, als neu konstruiert gelten zu können, sagt der Biotechnologe und Chemiker Tobias Knobloch. Mit minimalen Veränderungen habe man den Algen gentechnisch "Pflug und Harke an die Hand gegeben, nicht Schild und Schwert".

Womöglich hat sich die richtige Debatte tatsächlich am falschen Gegenstand entzündet. Denn im Übrigen ähnele der Herstellungsprozess Verfahren, wie sie bei Wasch- und Putzmitteln schon seit Langem praktiziert würden, urteilt Knobloch. Da würden mithilfe gentechnisch veränderter Bakterien und Pilze in großer Menge Enzyme hergestellt, um die Reinigungskraft zu steigern. Die Gentechnik bleibe im Produktionsprozess zurück, die Enzyme verlören beim Waschen nach einer bestimmten Zeit ihre Wirkung, versichern die Hersteller.

Allerdings gebe es schon Designerenzyme "ohne natürliches Vorbild", sagt ein Ecover-Manager in der Zeitschrift Schrot&Korn. Einige dieser Wirkstoffe könnten selbst hohe Temperaturen überstehen und, noch aktiv, auf die Kleider und in die Umwelt gelangen. Solche Produkte lehne sein Unternehmen ab.

Der Kritiker Jim Thomas ist auch nicht grundsätzlich gegen die Gentechnik- und SynBio-Forschung: "Sie hilft uns, das Leben besser zu verstehen." Aber die Anwendung sei voreilig. Denn für solche Verfahren gebe es bislang keine gesetzlichen Regeln. Die Produkte kommen ohne spezifische Vorschriften für Tests, Label oder Biosicherheit auf die Märkte. Das gilt vor allem in den USA, wo die Regierung traditionell eine großzügigere Risikophilosophie vertritt. In Europa hat man sich aus Sorge vor einem neuen Schlagabtausch wie bei der Gentechnik bislang weggeduckt.

Dem Thema Synthetische Biologie im engeren Sinne widmete sich im Januar auch die Weltwirtschaftskonferenz in Davos. "Bestehende Regeln sind unzulänglich", heißt es in einem Abschnitt ihres globalen Risikoberichts. Im vergangenen Oktober stand SynBio zudem bei der UN-Konferenz für biologische Vielfalt im südkoreanischen Pyeongchang auf der Tagesordnung. Die Konferenz forderte die Regierungen dazu auf, Vorkehrungen für die Biosicherheit zu treffen.

In der komplizierten Gemengelage zeigte sich Ecover kommunikativ als Pionier. Eine Expertenrunde soll über den eigenen Fall hinaus Definitionen klären und Chancen wie Risiken der Synthetischen Biologie für grünere Produktionsmethoden gründlich abwägen. Im April werde die Öffentlichkeit dann erfahren, was man gelernt habe.