Ein Baseballcap. Das Hemd lose in die Hose gesteckt, fette Turnschuhe oder gar keine Schuhe. Viel mehr braucht es nicht, um als Junge rüberzukommen, und das ist der gute Teil der Nachricht, und nicht ohne Komik, wie leicht es ist, selbst für Mädchen, ein Kerl zu sein. Selbst in Afghanistan, wo für Mädchen eigentlich nichts leicht ist und Mädchen gar nichts dürfen, nicht rennen, nicht laut sein, nicht draußen spielen, sozusagen nichts, außer unterwürfig zu sein und auch so zu gucken. Es sei denn, ein Mädchen wird zum Jungen. Dann ist ihm alles erlaubt. Auf den Wiesen Drachen fliegen lassen, sich rumtreiben, Leute begaffen, laut quatschen, bisschen pöbeln. Gender-Crossing kann ein Kinderspiel sein, ausgerechnet in Afghanistan, wo es von vielen Mädchen gespielt wird, nicht nur einen kleinen Nachmittag lang, sondern manchmal über Jahre hinweg, in denen Mädchen als Jungen leben – davon erzählt dieses erstaunliche Buch über Afghanistans verbotene Töchter.

Die Reporterin Jenny Nordberg, unterwegs in Afghanistan zwischen 2010 und 2014, bis zum Ende der zweiten Parlamentswahl, hatte so Gerüchte gehört. Über Azitas Tochter Mehran, die sechs Jahre alt ist und ein verwöhnter kleiner Typ, unzähmbar, oft ziemlich nervig, aber eben eigentlich ein Mädchen, tuscheln die beiden Schwestern. Wie übrigens auch die Mutter Azita, wird sich herausstellen, vier Jahre lang als Junge gelebt hat, bis sie 14 war und auf Geheiß des Vaters ein langes blaues Kleid anziehen musste, dann verheiratet wurde an einen Vetter, nun Abgeordnete in Kabul ist, ein schwarz verhülltes Wesen mit schwarz gerahmten Augen. Und ihr drittes Kind, die kleine Tochter, als Jungen in die Welt schickt, warum? Azita sagt: "Ich wollte meiner Jüngsten zeigen, wie das Leben auf der anderen Seite ist."

Mal ist es der kleine Laufbursche vom Gemüseladen. Niima, zehn Jahre alt, eine von acht Schwestern. Oder Zahra, ein androgyn wirkender Teenie, von Geburt an als Junge erzogen, schon die Ururgroßmutter war Kriegerin und half, hoch auf dem Pferd, die Briten aus ihrem Kolonialreich zu schmeißen. Shaheda, Mitglied einer paramilitärischen Eliteeinheit der Polizei. Nader, die Autos reparieren kann und Taekwondo unterrichtet. Shukria, deren Vater, ein General, ihr Reiten und Schießen beibrachte, bis sie mit 14 Jahren wieder in ein Mädchen zurückverwandelt wurde. Sahel, Paschtunin aus Kandahar, die schon 17 ist und das Spiel immer noch spielt und gar nicht damit aufhören kann, ein Junge zu sein, das ist nun also ein echtes Problem und nicht vorgesehen.

Man nennt sie bacha posh – als Junge gekleidet. Es ist so etwas wie ein drittes Geschlecht, das nur für eine kurze Lebensspanne existiert. Im Paschtu-Dialekt heißen diese Kinder alakaana, findet Jenny Nordberg heraus, und die Reporterin folgert messerscharf, dass es also viele dieser Kinder geben muss, wenn es sich lohnt, für sie ein Wort zu haben. Es gibt wohl so viele, dass die Taliban es für notwendig erachteten, Frauen ausdrücklich das Tragen von Männerkleidern zu verbieten. Aber es gab natürlich schon vor den Taliban in Afghanistan viele Gründe, eher ein Mann als eine Frau sein zu wollen, Afghanistan ist ein Land mit einem der grausamsten Geschlechterregime.

Die Reporterin Jenny Nordberg ist schwedische Korrespondentin in New York für das Svenska Dagbladet, und so wurde eine erste Reportage über die bacha poshs vor fünf Jahren Titelstory der New York Times. Seither hat sich Nordbergs Story zu einem veritablen Buch ausgewachsen, es ist eine breit angelegte Studie mit historischer Tiefensondierung aus einem Land, das in unseren Nachrichten erst Kontur gewann, als der amerikanische Präsident George W. Bush es als Territorium für seinen "Krieg gegen den Terror" erkor. Seit Beginn der Operation "Enduring Freedom" im Jahre 2001 liefert es nun zuverlässig Horrormeldungen über verlorene Schlachten, stockende Truppenabzüge und alltägliche Bombenattentate.

Auch in Nordbergs Buch bilden Detonationen den Soundteppich. Aber es ist vor allem eine Studie über den Krieg der Geschlechter. Die afghanische Gesellschaft ist wie gefangen in einem System extremer Geschlechterpolarisierung, in dem Männern alle Macht zukommt und Frauen das Dienen, in dem der Mann alles unter Kontrolle hat, insbesondere Frauen.