In manchem Film sähe man jetzt Vögel, die kreischend aus Baumkronen flattern, aufgeschreckt von diesem Höllenlärm: Arngrimur Hermannsson dreht den Zündschlüssel, knapp 20 Tonnen Stahl erzittern. 500 PS dröhnen dumpf in die bis eben vollkommene Morgenruhe, jaulen auf, als er aufs Gaspedal tritt.

Doch im Nirgendwo des isländischen Hochlands bleibt der Himmel leer. Bäume gedeihen hier nicht, der unerbittliche Wind sorgt dafür, dass sie nach höchstens eineinhalb Metern beleidigt das Wachsen einstellen. Vögel gibt es erst recht keine. Wenn sich in letzter Zeit welche in den Weiler Husafell verirrt hätten, wären sie nach kürzester Zeit von den kahlen Büschen gefallen, steif wie Suppenhühner aus der Kühltruhe: Die Temperaturen sind zweistellig, natürlich mit einem Minus davor.

Doch Arngrimur Hermannsson, den jeder einfach Addi nennt, findet, dass man diese Schneewüste gesehen haben muss. Wobei die endlosen weißen Hügelketten um Husafell nur der Prolog sind, mit seinen Gästen will er höher hinaus. Mitten auf den Langjökull, Islands zweitgrößten Gletscher. Um Menschen dorthin zu bringen, hat der 60-Jährige mit der Anmutung eines gemütlichen Bernhardiners der Nato einen alten Raketenträger abgekauft und eine Buskabine auf dessen Rücken geschraubt. Wenn wir am Gletscher angekommen sind, sollen wir nicht nur darauf spazieren gehen, sondern auch darin. Doch das ist die Sache von Addis Chef, der gerade Steigeisen und Proviant in den Ice Explorer packt.

Siggi Skarphedinson, 37, ist der Leiter von Islands derzeit wohl coolstem Bauprojekt. Unterstützt von ein paar Bauern, die die harte Tiefbauarbeit erledigen, und ein paar alten Hippies, die ihm den kreativen Überbau besorgen, bohrt er einen 400 Meter langen Tunnel in den Langjökull. Noch ist der erst zur Hälfte fertig, doch von Juni an will Skarphedinson bis zu 30.000 Besucher pro Jahr im Bauch des Gletschers erschauern lassen. Weniger wegen der Temperaturen, in der Höhle werden konstant null Grad herrschen. Erschauern sollen die Gäste eher aus Ehrfurcht: weil das blaue Eis des Gletschers geheimnisvoll leuchtet – und weil Infotafeln und multimediale Animationen vermitteln werden, wie rasch weltweit die Gletscher abschmelzen, wenn sich im Verhalten der Menschheit nicht bald etwas ändert.

Dass es widersinnig klingt, einen Gletscher auszuhöhlen, um ein Bewusstsein für den Klimawandel zu schaffen, weiß Skarphedinson. Trotz kritischer Fragen bleibt seine Laune so blendend wie seine neongelbe Daunenjacke, derentwegen allein man schon eine Sonnenbrille brauchte. Die Gäste der heutigen Baustellenvisite (isländische Fernsehteams, hippe Naturfilmer aus New York, interessierte Fotografen) haben im Raketenträger Platz genommen. Skarphedinson steht im Mittelgang und erklärt das Projekt genauer. Auch wenn seine Firma da gerade mit schwerem Gerät 5.000 Kubikmeter aus dem Gletscher holt und so die größte künstliche Eishöhle schafft, die es je gegeben hat: Im Langjökull, der 50 Kilometer lang, 20 Kilometer breit und bis zu 680 Meter dick ist, nimmt sie sich noch winziger aus als das Loch eines Holzwurms in einem Eichenkleiderschrank. An der Baustelle wird immer nur ein Tagesbedarf Diesel gelagert, um im Fall eines Unglücks den Schaden gering zu halten. Später sollen Wind- und Solaranlagen die Energie für den Betrieb liefern. Skarphedinson sagt, Islands strenge Umweltbehörden hätten das Projekt ohne Einwände abgenickt. Schwieriger seien die Verhandlungen mit dem Bauamt gewesen, das die Eishöhle zunächst als normales Gebäude einstufte und eine Sprinkleranlage verlangte.

Auf dem Langjökull, Islands zweitgrößtem Gletscher

Plötzlich rumpelt es, Skarphedinson verliert fast das Gleichgewicht. Addi hat die gewalzte Straße verlassen und fährt mitten in den Tiefschnee. Bald ist alles, was nicht blauer Himmel ist, weiß. Faszinierende Farben hat die Landschaft nicht zu bieten, sie spielt lieber mit den Formen: Scharfer Wind presst Schnee in wilden Mustern an Brocken aus Vulkanstein, am Stahl des Raketenträgers wachsen Korallen aus Eis. Sturmböen peitschen über den Boden und formen kleine weiße Hügel, Rippen, Wellen und Dünen. Die amerikanischen Naturfilmer begrüßen fast jede Flocke mit begeisterten "Awesome!"- Rufen. An manchen Stellen erscheint die Landschaft aber auch wirklich so surreal, als wäre sie für einen Fantasyfilm entworfen worden. Ein Verdacht, den Addi gleich zerstreut, als er sich über den Lautsprecher meldet und berichtet, dass er schon Filmteams von Star Wars und Game of Thrones hierhergebracht habe. Islands Natur hat den Tricksern aus den Animationsstudios also noch etwas voraus.

Addi erzählt gerne Geschichten, vor allem solche mit Nebensträngen. Sie handeln davon, wie die Isländer ihre Gletscher lieben lernten, nachdem sie das lebensfeindliche Eis jahrhundertelang gemieden hatten. In seiner eigenen Story spielten stets Motoren eine Rolle, in den achtziger Jahren stattete er die ersten Jeeps mit ultradicken Reifen aus, um mit ihnen auf die Gletscher zu fahren. Er taufte sie "Superjeeps", in Anlehnung an die schwedischen Supermodels auf den Fotokalendern in den Werkstätten, weil – Achtung, Schrauber-Humor – "beide sehr gut gebaut" seien. Über Umwege endet seine Geschichte bei den Reifen seines Raketenträgers, die je nach Höhenlage und Beschaffenheit des Schnees einen anderen Luftdruck brauchen, sonst versinken sie im Weiß oder platzen. Ein Techniker hat die Pneus mit speziellen Ventilen versehen und eine App entwickelt, mit der man sie während der Fahrt vom Smartphone aus steuern kann, Arbeitstitel – Achtung, diesmal Hacker-Humor – "Blowjob".

Nicht immer kommt Addi bis zur Pointe, denn ab und zu gerät er von der Idealroute ab und lenkt den Ice Explorer in eine Verwehung. Dann flucht er sanft, und der 20-Tonner schwankt wie ein Schiff, wenn er sich aus dem Schnee herausarbeitet. Kurz darauf jagt er wieder mit Vollgas weiter, der Schnee spritzt zur Seite wie Gischt bei einem Motorboot.