Arschkarte

Hamburger Stadtansichten, das sind Alster, Elbe, die Bourgeoisie im Cabrio. Und der Retriever, gehüllt in ein Barbourjäckchen, hechelt im Fahrtwind. Aber es gibt auch das andere Hamburg, mit Gegenkultur und Kiez. Dort wird gefeiert, getrunken, man lässt sich tätowieren, vorzugsweise die eigene Telefonnummer oder Airbnb-Adresse, damit man im Rausch nicht verloren geht. Weil nicht alle so mutig sind, lassen sich Postkarten versenden. Motive, bei denen sich Marketing und Eros ergänzen. Freunden aus weniger amüsierfähigen Städten (Bonn, Rastatt, Bad Salzuflen) schickt man ein Tanga-Foto und lehrt sie: Straps und Schnaps gehören zusammen.

Daniel Haas, "ZEIT:HAMBURG"

Verarscherkarte

Berlin, tönt der Ur-Berliner, gibt es nicht mehr. Zu groß die Fluktuation der Stadtbevölkerung. Dabei ist da etwas, was alle verbindet, vom Icke-ditte-kieke-wa-Milieu bis hin zu den gestrandeten Medien- und Kunstschaffenden aller Länder: der Hang zur Prahlerei. Den fängt auch die Postkarte ein, deren auffälligste Realitätsbeugung die Montage eines überdimensionierten Brandenburger Tors in die Stadtmitte ist. So wird der trostlose Blick vom Kulturforum nach Osten aufgepeppt. Natürlich gibt es attraktivere Stadtansichten, die solche Nachbearbeitung überflüssig machten. Jedoch: Eine Reproduktion der Realität könnte nie den Geist der Stadt transportieren wie diese Monstrosität.

Johannes Schneider, "Tagesspiegel"

Putzig

In Hamburg schläft man nicht, man dämmert oder macht eine Achtsamkeitsübung. Hierfür schließt man die Augen und träumt sich in Bestlagen nahe der Elbphilharmonie. Visualisierung nennen Psycho-Coaches diese Technik: Man malt sich jene Zukunft aus, die einem mangels Talent oder Penunze eigentlich verschlossen bleiben müsste. Wer einmal vom Premiumleben, wie es in Hamburg erfunden wurde, gekostet hat, der wird zurückkehren, wieder und wieder, in die Traumwelt aus Stucksalons, Sternemenüs und Polospiel. Deshalb die Ruhemaske aus Satin, samtig und saugfähig, für die Freudentränen.

Daniel Haas, "ZEIT:HAMBURG"

Schmutzig

Das Ost-Ampelmännchen hat eine typische Wende-Biografie hingelegt. Vorher: geregeltes Leben in einem totalitren Staat. Nachher: verraten und verkauft am freien Markt. Zuletzt geriet es auch noch ins Visier alter,weißer Männer. Die wettern gegen jede Anregung, dem Ampelmännchen eine Gefährtin an die Seite zu stellenund so die Dominanz des Männlichen im öffentlichen Raum augenfällig zu machen. Umstimmen ließe sich man wohl höchstens vom Gedanken, wie gut sich mit dem Ampelmädchen verdienen ließe. Wenn es etwa fürs Bad eine zweite Waschlappenversiongäbe. Denn: Alles andere ist doch linke Mangelwirtschaft. Und unhygienisch.

Johannes Schneider, "Tagesspiegel"