Fast eine gewisse Atemlosigkeit meint man am Ende der Lektüre zu verspüren, je mehr man sich der bedrohlichen Jetztzeit annähert. Ja, beinahe wundert man sich, dass diesem Werk nicht noch in einer Loseblattsammlung die jüngsten Attentate von Paris oder die ersten Auftritte von Alexis Tsipras in Europa nach dem Wahlsieg in Athen beigelegt sind, als eine Art aktueller Nachlieferung zur Geschichte. Aber diese Gegenwärtigkeit ist durchaus konsequent bei einem Historiker, der unumwunden von einer "letztlich praktischen Forschungsabsicht" spricht.

Ursprünglich nannte Heinrich August Winkler, emeritierter Historiker der Berliner Humboldt-Universität, es ein "normatives Projekt", dem er in seiner Geschichte des Westens nachspüre. Mit dem vierten Band seines Werks über Die Zeit der Gegenwart seit 1990 ist daraus für ihn ein "normativer Prozess" geworden. Dem Westen insgesamt will er nicht gleich bescheinigen, was er den Deutschen nach ihrem langen Weg konzediert – nämlich auf der Marathonstrecke seit der Amerikanischen Revolution 1776 und der Französischen Revolution 1789 nun am Ziel angelangt zu sein.

Mit der Lektüre dieses Werks betritt man eine Schule des Sehens, des Hinsehens. Und man begreift: Je grenzenloser die Welt, umso nationaler, egoistischer, vielleicht auch ängstlicher wird das Denken. Für sein umfassendes Wissen, das globale Panorama und eine singuläre Forschungsakribie hat Winkler schon mit Recht breites Lob bekommen, gelegentlich freilich traf er auch auf den Vorbehalt, manche Abschweifungen – von der Gesundheitsreform Obamas bis zur Korruption in China und zur inneren Verfasstheit Litauens oder Argentiniens – seien doch irritierend. Aber ähnlich, wie es der jüngst verstorbene Soziologe Ulrich Beck für seine Disziplin wünschte, so will auch Winkler weg vom "nationalen Paradigma".

Gerade in diesem Schlussband wird die Paradoxie deutlich, wie eng, ja oft weltblind und nationalegoistisch sich die Staatenwelt – auch der Westen! – ausgerechnet in der Ära der Globalisierung verhält. Die Messlatte bleiben für den Westen aber am Ende stets die unveräußerlichen Menschenrechte, Herrschaft des Rechts, Gewaltenteilung, Volkssouveränität und repräsentative Demokratie.

Der Freiburger Historiker Ulrich Herbert hat in seiner Rezension zu Winklers Darstellung der Jahre des Kalten Kriegs bemerkt (ZEIT Nr. 39/14), der Autor gehe nicht diskursiv vor, sondern er konstatiere. Das trifft auch auf die Jahre von 1990 bis 2014 zu. Ob um alternative Pfade gestritten wurde, wo überhaupt sich andere Pfade boten, bleibt in der Regel unerwähnt. Winkler geht es mehr darum, das Ungleichzeitige zwischen Ost und West (oder den Schwellenländern) und auch innerhalb Europas begreifbar zu machen. Allerdings wirken im chronologischen Nebeneinander dafür große Dramen auffällig glatt gehobelt, Zäsuren nicht als Zäsuren, Neuanfänge nicht als Neuanfänge.

"Das beste Jahrzehnt aller Zeiten? Die 1990er, offensichtlich!", so war kürzlich ein Essay in der New York Times überschrieben. Solche Zuspitzungen passen schwerlich zu Winkler. Aber liefert er nicht mit seiner Beschreibung der kurzen Epoche von 1989 an nach Ende des Kalten Krieges auch Material zu der Vermutung, dem langen Fortschrittsprozess drohe ein schnelles Scheitern?

Winkler, das spürt man, will sich seinen Optimismus nicht rauben lassen. Und sein verblüffender Elan kann einen anstecken. Nüchtern beschreibt er die USA nach 1989 als eine "Weltmacht ohne Widerpol" in einer unipolaren Weltordnung. Noch unter Bill Clinton begann der ungehemmte Derivatehandel auf den Finanzmärkten, den Friedensbemühungen für den Nahen Osten in Oslo und in Nordirland folgten Waffenlieferungen in den Irak, endlich der große Einbruch, die Tragödie vom 11. September 2001.

Und heute? Das Ende aller Sicherheit heißt Winklers Schlusskapitel. Könnte das ein Ende für den "normativen Prozess" bedeuten nach dem besten Jahrzehnt aller Zeiten? Beschönigt wird nichts: Winklers Sündenliste reicht von George W. Bushs spezifischem "Krieg gegen den Terror" samt Patriot Act, gleichsam dem Ende der "Herrschaft des Rechts", bis zu Bushs vorbeugenden Militärschlägen, zu Abu Ghraib, Guantánamo, und sie umfasst schließlich auch die selbstherrlichen NSA-Aktivitäten.

Nein, Winkler betreibt keine Schönfärberei: Amerika habe die Ideale des 18. Jahrhunderts preisgegeben, der dramatische Vertrauensverlust in aller Welt sei keineswegs behoben. Doch von der Hybris einer "unilateralen Großmachtpolitik" und der "imperialen Präsidentschaft" Bushs immerhin habe Obama sich abgewandt. Trotz Tea-Party-Fundamentalismus – erlebt habe man noch stets "ein anderes, liberales Amerika, das die Gründungsideen von 1776 ernst nahm". Hoffentlich, möchte man anfügen.

Was der Westen sei, lässt sich nach Belieben definieren. Der Historiker Niall Ferguson bestückt den Westen als eine Art Flugzeugträger mit Nato-Philosophie, für den Politikwissenschaftler Samuel Huntington gewinnt der Westen erst in der Auseinandersetzung mit dem Islam wieder klare Konturen. Bei Winkler indes fühlt man sich eher an die Haltung des amerikanischen Diplomaten und Historikers George Kennan erinnert, der in den fünfziger Jahren Legende wurde: Wenn der Westen seine Werte, seine immateriellen Stärken ernst nehme, glaubte er, entfalte er damit mehr Sprengkraft als mit sämtlichen militärischen oder ökonomischen Machtmitteln.

Winklers Urteil vom "weltpolitischen Minimalismus" des heutigen Amerika kann man folgen. Aber wer schreibt das Projekt des Westens nun bewusst fort? Und welche Rolle spielt die Bundesrepublik dabei? Der Einheit folgten Anfang der neunziger Jahre die Morde an Ausländern in Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen und Mölln, aber das System von checks and balances funktioniert doch einigermaßen, und zu Kurskorrekturen – siehe Agenda 2010 – erwies sich gerade die rot-grüne Koalition fähig. Mit dem "Nein" zum Irakkrieg scherte Schröder nicht aus dem Westprojekt aus. Fast zu kurz kommt bei Winkler die Frage nach der Rolle Deutschlands im heutigen Europa und ob ein "europäisches Deutschland" Ziel geblieben ist. Kluge Autoren in nahezu sämtlichen Nachbarländern fürchten, die "deutsche Frage" sei zurück – aufgrund der wirtschaftlichen Dominanz und wegen des Austeritätskurses, den Berlin erzwungen habe. Man kann fragen: Nistet sich, auch jenseits von Pegida, nicht bei uns als Krisenprofiteuren ein heimlich nationales Denken ein?