Seit einer gefühlten Ewigkeit spukt die Idee eines Hauses der Geschichte durch die Republik, nur verwirklicht wurde sie nie. Das lag vor allem an SPÖ und ÖVP, die zwar nach 1945 den Staat brüderlich aufteilten, sich aber auf keine gemeinsame Version der Geschichte einigen konnten – gleichgültig, ob das an Dollfuß, Waldheim oder sonst jemandem lag. Nach einem Vorstoß von Kulturminister Josef Ostermayer soll das Luftschloss jetzt Realität werden. Bereits im Herbst soll eine Website online gehen, die zur inhaltlichen Diskussion einladen wird. Das Projekt ist umstritten, weil es auf Kosten anderer Museen verwirklicht werden soll.

Zuletzt gab die Regierungskoalition 2008 eine unabhängige Studie in Auftrag, um sie sogleich in der Schublade verschwinden zu lassen. Immer wieder sei er deshalb im Kanzleramt lästig gewesen, erzählt Oliver Rathkolb, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Wien und Leiter des wissenschaftlichen Beirates für ein Haus der Geschichte. Warum die Studie unter Verschluss gehalten wurde? "Das weiß ich nicht", sagt er. "Es gibt aber in ökonomischen Krisensituationen offenbar eine furchtbare Sorge, dass ein Neubau politisch zurückschlägt." Besagte Studie von Claudia Haas & Lordeurop empfiehlt einen Neubau, nur das Geld dafür wollte niemand in die Hand nehmen. Nun zeichnet sich eine andere Lösung ab: Den Stein dazu brachte Johanna Rachinger ins Rollen. Die Direktorin der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) mit Sitz am Heldenplatz konnte in den vergangenen Jahren ihren Einflussbereich beträchtlich ausweiten. Sie sprach mit Rathkolb, der auch im Kuratorium der ÖNB sitzt und Ausstellungen für diese gestaltet – und brachte, nachdem Josef Ostermayer im Kanzerlamt auch das Kulturministerium übernommen hatte, das Projekt bei ihrem ersten Treffen mit dem Minister aufs Tapet.

Rachinger wollte das Haus der Geschichte in Richtung Heldenplatz lotsen. "Das war nicht allein meine Idee", sagt sie, es gehe vielmehr darum, Synergien zu nutzen. Auf dem Heldenplatz soll neben einer Tiefgarage auch ein neuer Tiefspeicher für die ÖNB entstehen, die mit ihrer Foto- und Mediensammlung einen wichtigen Beitrag zu einem Haus der Geschichte leisten soll. Ostermayer hatte die Idee, das Museum im ersten Geschoß der Neuen Hofburg zu verwirklichen. Zur ersten Planungssitzung trafen sich er, Rachinger, Rathkolb und andere, darunter Günter Geyer, Präsident der Gesellschaft der Freunde der ÖNB. Ein Teil der Museumskosten soll durch Drittmittel gedeckt werden, und Geyer, der im ÖNB-Freundeskreis namhafte Wirtschaftsbosse um sich schart, ist Meister im Einwerben von Sponsorengeld. Der Aufsichtsratschef der Wiener Städtischen gilt auch als Berater von Kanzler Werner Faymann und sitzt für die SPÖ in jenem Viererkomitee, das die Aufsichtsräte für die neue Staatsholding ÖBIB bestellt. Doch die rote Optik solle nicht täuschen, sagt Rathkolb: "Mein internationaler Beirat ist mit 30 renommierten Experten hochkarätig besetzt, trifft alle Entscheidungen autonom und garantiert politische Unabhängigkeit."

Nun bahnt sich ein Mittelweg im Vergleich zu dem an, was die mittlerweile veröffentlichte Haas-Studie vorschlägt. Diese sieht drei Varianten mit einer Nettoausstellungsfläche von 1.738 bis zu 4.471 Quadratmetern vor. Alle Flächen für Büros, Seminarräume und dergleichen miteinberechnet, kommt aber bereits die kleinste Variante auf einen Bedarf von 6086 Quadratmetern. Der Plan, das Museum der ÖNB anzugliedern, scheint daher fast zwingend, denn nur diese kann so viel Extraraum frei machen. Rathkolb kämpft derzeit um eine Nettoausstellungsfläche von 3.000 Quadratmetern. Um diesen Wert zu erreichen, müsste man das Äußere Burgtor miteinbeziehen, das Ephesos Museum, die Hofjagd- und Rüstkammer und die Sammlung historischer Musikinstrumente zumindest teilweise umsiedeln sowie das Weltmuseum verkleinern. Eine an sich schon teure Aktion. Und mit den rund 10,9 Millionen Euro, die durch die Redimensionierung der ethnografischen Ausstellungsfläche frei werden, wird man nicht weit kommen. Die Haas-Studie beziffert allein die operativen Kosten für Forschung, Recherche und Projektmanagement vor der Eröffnung – je nach Variante – auf 6,8 bis zu 17,9 Millionen Euro.