Mit welcher Untat wollen wir beginnen? Vielleicht mit dem ersten Heiligtum, das in Mossul geschändet wurde, nachdem die schwarze Armee einmarschiert war: Im Sommer 2014 zerstörten die Islamisten das Grab des Propheten Jonas, den die meisten bei uns als biblischen Helden kennen, der aber von Christen, Juden und Muslimen gleichermaßen verehrt wird. Seine Grabstätte im Irak, sagen die Archäologen, ist ein fantastisches Beispiel für die friedliche Koexistenz der Religionen. War ein fantastisches Beispiel. Denn Juden gibt es in der Gegend längst nicht mehr. Die Christen wurden vor einem halben Jahr vertrieben, ihre Kirchen zerstört, ihre Klöster geplündert. Und falls von den verbliebenen Muslimen in Mossul trotzdem noch jemand an Frieden glaubte, dann hat der "Islamische Staat" jetzt demonstriert: Wir leben im Krieg – und zwar mit allen Menschen (die sich nicht dem Kalifat unterwerfen) und allen Göttern (außer Allah), sogar den toten, zu denen seit Ewigkeiten niemand mehr betet.

Damit sie das nicht nur in Mossul, sondern auch in New York bei den Vereinten Nationen merken, hat der IS in den letzten Tagen gleich drei unschätzbar bedeutende Ruinenstädte mit Bulldozern umgepflügt und teilweise in die Luft gesprengt. Am vergangenen Donnerstag überfielen die Bilderstürmer die assyrische Residenzstadt Nimrud, am Samstag die antike Tempelstadt Hatra und am Montag den assyrischen Königssitz Chorsabad. Noch wissen wir nicht genau, was zerstört wurde. Es gibt bislang nur Berichte von Explosionen und Satellitenbilder von Konvois schwerer Fahrzeuge. Doch weil dem Ansturm ein Propagandavideo vorausging, das den IS minutenlang beim lustvollen Zerschlagen von Statuen im Museum von Mossul zeigte, befürchtet die Unesco Schlimmstes und forderte den UN-Sicherheitsrat zum Eingreifen auf.

Eine späte Reaktion, denn seit vielen Monaten beklagen Archäologen und Orientalisten den Verlust unwiederbringlichen Kulturerbes im Irak und in Syrien. Längst haben sie begonnen, die Orte besonders brutaler Zerstörungen und Plünderungen zu dokumentieren. Spät, zu spät kommt der Appell der Unesco, aber nicht nur für zertrümmerte Götterbilder, plattgemachte Paläste, gesprengte Kirchen und gestohlene Kruzifixe, sondern auch für manche tapfere Hüter des altorientalischen Erbes.

Vielleicht hätten wir deshalb mit einer anderen Untat beginnen sollen. Im Norden Syriens, im Euphrattal, das jetzt vollständig vom IS kontrolliert wird, gab es eine archäologische Grabungsstätte, die hatte, auch nachdem die Grabungen wegen des Krieges eingestellt worden waren, einen treuen Wächter. Er war kein Archäologe, sondern ein sunnitischer Bauer, aber betrachtete die Geschichte, die hier zutage trat, als seine Geschichte, jedenfalls blieb er, bis der IS anrückte. Für die Soldaten des Kalifats beginnt, so hat es ihr Kalif Abu Bakr verfügt, alle Menschheitsgeschichte erst im 7. Jahrhundert, mit dem Propheten Mohammed. Also schlugen sie den Wächter, einen kranken Mann, so dass er wenig später starb. Einen seiner Söhne folterten sie schwer, so dass er kaum noch sprechen kann.

Obwohl der Ermordete und der Gefolterte Sunniten waren, wie ihre Peiniger, fanden sie keine Gnade. Sie wurden zu Feinden erklärt, nur weil sie geholfen hatten, das "heidnische" Erbe ihres Landes ans Licht zu bringen. Wir nennen die Namen der Opfer und ihren Heimatort nicht, denn die Zerstörungslust des IS steigert sich ständig. Auch die Wächter von Nimrud und Ninive wurden wohl ermordet. Schon einmal hatten die Islamisten gedroht, sogar die Kaaba in Mekka zerstören zu wollen, weil sie zum Götzendienst missbraucht werde.

Adelheid Otto, Professorin für Vorderasiatische Archäologie in München, kann den Furor der Gotteskrieger nicht verstehen. Sie hat früher bei Rakka gegraben, jetzt syrische Hochburg des IS, und erlebte dort eine überwältigende Gastfreundschaft: "Religion war niemals ein Problem." Die Sunniten hätten gewusst, dass die deutschen Forscher Christen waren. "In Syrien lebten und arbeiteten zusammen: Sunniten, Schiiten, Alawiten, Christen, Jesiden und Juden. Gegenseitige Achtung war selbstverständlich." Was der IS tue, habe nichts mit einem religiösen Konflikt zu tun. "Die Religion ist Vorwand für Verbrecher, die Macht durch Morden gewinnen wollen."

Adelheid Otto leitete auch am Euphrat jahrelang Ausgrabungen. Was nun im Irak und in Syrien geschieht, bereitet ihr schlaflose Nächte. Sie sei immer Pazifistin gewesen, doch momentan wünsche sie sich dringend ein militärisches Einschreiten. "Wir sorgen uns um all die Kollegen von den Antikendiensten und Tausende namenlose Menschen, die das sinnlose Zerstören aufhalten wollen. Sie riskieren ihr Leben, um das Kulturerbe der Menschheit zu bewahren. Das können sie aber nicht allein und nicht mit Worten. Sie brauchen bewaffnete Unterstützung." Die Professorin fordert, Politiker müssten dafür sorgen, dass umfassende Hilfe zur Selbstverteidigung bereitgestellt werde – und zwar sofort.

Denn die inszenierten Zerstörungen geschehen nicht nur aus Zerstörungswut. Sie sollen darüber hinwegtäuschen, dass antike Schätze außer Landes geschafft und verkauft werden. In Syrien geschieht das längst, im Irak spitzt es sich jetzt zu. Der Handel mit Raubkunst ist der drittgrößte illegale Markt nach Waffen- und Drogenhandel, und für den IS könnten Altertümer zur wichtigsten Einnahmequelle werden. "Galeristen auch in Deutschland verkaufen Raubgut", sagt Andreas Schmidt-Colinet, Professor für Klassische Archäologie und Kämpfer gegen den illegalen Kunsthandel. Er baute das Deutsche Archäologische Institut in Damaskus mit auf und leitete dreißig Jahre lang die Ausgrabungen im syrischen Palmyra, einer der größten antiken Ruinenstätten des Vorderen Orients. Heute hält er Benefiz-Vorträge über zerschossene Moscheen und geplünderte Gräber an seinen einstigen Arbeitsorten. Vor allem aber warnt er vor der Gier der Kunstkäufer nach Artefakten aus all jenen Regionen, die wir Krisengebiete nennen, die aber einst die Wiege der Menschheit waren. Den Orientfans im Westen, die ungeprüft Artefakte aus Syrien und dem Irak erwerben, sagt er: "Mit diesem Geld werden Panzer und Waffen für den Krieg gekauft."

Das ist leider nicht übertrieben. Während im Irak die Kulturbarbaren wüteten, überquerten am Samstag in Syrien die Mörder des IS den Fluss Chabur und überfielen weitere Christendörfer. Erst nach heftiger Gegenwehr der Aramäer und der Kurden, unterstützt von der amerikanischen Luftwaffe, konnten drei Dörfer zurückerobert werden. Doch allein dort sind 250 Menschen in den Händen des IS, 1.200 Familien auf der Flucht. Die good news klingt derzeit so: Am Freitag wurden vier gefangene Christen freigelassen, darunter die sechs Jahre alte Mariana Mirza aus dem Dorf Tel Schamiran. Auch die Helfer sind mittlerweile verzweifelt. Mit den Worten eines irakischen Priesters: "Unsere Geschichte wird zerstört, unsere Gegenwart ausgelöscht. Haben wir eine Zukunft? Wir können uns nicht allein verteidigen. Die zivilisierte Welt müsste das tun. Kann sie es? Ja. Wird sie handeln? Wir wissen es nicht."