Tirol, Österreich, Ende Juli 2014 (Der Haifa-Bus)

Ich habe eine Premiere meiner Komödie Wir lieben und wissen nichts in Tirol und werde am Flughafen Innsbruck vom Regisseur abgeholt. Wir fahren auf der Inntalautobahn, und ich sehe plötzlich den Mannschaftsbus des israelischen Fußballclubs Maccabi Haifa, direkt vor uns.

Das glaube ich nicht, sage ich zum Regisseur, Maccabi Haifa auf einer Tiroler Autobahn! Ich kenne den Sportdirektor von Maccabi Haifa. Können wir den Bus stoppen?

Der Regisseur schaut mich irritiert an, offenbar will er mir gerade seine Regiekonzeption erläutern, aber keinen Bus auf der Autobahn stoppen.

Wir überholen, bremsen den Bus aus, und ich gebe Handzeichen, erläutere ich.

Der Regisseur erklärt, dass das keine gute Idee sei, die Israelis würden bei so einem Manöver vermutlich etwas anderes erwarten. Vor ein paar Tagen seien Spieler bei einem Testspiel in Bischofshofen von türkischen Randalierern mit Palästinenserfahnen angegriffen und getreten worden. Hast du denn davon nicht gehört?

Ich schaue rechts und links in die Tiroler Landschaft. Gaza, dieser Krieg, er war gerade noch so weit weg. Ich sehe auf das Schild mit den Vereinsfarben von Maccabi Haifa, das an der Heckscheibe angebracht ist.

Wir sind 20 Kilometer hinter Innsbruck und folgen dem Mannschaftsbus durch Tirol, dabei starre ich die ganze Zeit schweigend auf das Haifa-Schild.

Istanbul, Ende Mai 2013 (Beginn meiner persönlichen Nahost-Probleme)

Ich bin für drei Monate Stipendiat in der Künstlerakademie Villa Tarabya. Eigentlich will ich schreiben, aber die größte Protestbewegung in der Türkei seit fast 40 Jahren zieht mich jeden Abend in den Gezi-Park, wo anfangs für den Erhalt der Bäume, am Ende gegen fast alles im zunehmend restriktiven Erdoğan-System protestiert wird. Immer montags trainiere ich mit der türkischen Autorennationalmannschaft, einem Fußballteam von Schriftstellern.

Wir sitzen nach dem Training im Auto auf dem Weg zurück in den Gezi-Park, wo einige der türkischen Autoren übernachten, um sich nachts wieder Gefechte mit der Polizei zu liefern. Stau auf einer der Bosporus-Brücken. Ich versuche, die Türken zu überzeugen, eine kleine Gezi-Pause einzulegen und doch noch am Turnier in Haifa teilzunehmen, zu dem sie die israelische Autorennationalmannschaft eingeladen hat, namentlich der Sportdirektor von Maccabi Haifa.

Doch die Türken wollen nicht. Der Grund sei, dass die israelischen Autorenkollegen nicht gegen ihre eigene Regierung protestierten; dass sie, im Gegenteil, Geld für dieses Turnier von der Regierung annähmen, einer Regierung, die Gebiete besetze, die ihr nicht gehörten, und unschuldige Menschen unterdrücke und bombardiere.

Aber darüber können wir doch in Haifa mit den Israelis diskutieren, schlage ich vor.

Nein, entgegnen die Türken, wir können nicht jede Nacht im Gezi-Park für Freiheit und Menschenrechte kämpfen und uns dann nach Israel einladen lassen, um mit dem Besatzer Fußball zu spielen!

Okay, das verstehe ich, erkläre ich, aber ihr spielt doch auch Fußball in den roten Landesfarben der Türkei und symbolisiert damit die Unterdrücker, eure Regierung.

Das machen wir nur für euch, erwidern die Türken, damit ihr denkt, ihr spielt ein richtiges Länderspiel gegen die Türkei. Unter den Trikots tragen wir Shirts mit dem Konterfei von Autoren, die gerade eingesperrt wurden und nicht mehr mitspielen können, weil sie sich öffentlich gegen das Erdoğan-System gewendet haben. Welcher der israelischen Autoren wendet sich denn offen gegen Netanjahu, den israelischen Ministerpräsidenten?

Das machen die israelischen Kollegen bestimmt, erwidere ich, nur werden sie in Israel dafür nicht gleich eingesperrt. Außerdem habt ihr Türken erst gerade damit angefangen, so offen zu protestieren, die Israelis machen das schon seit Ewigkeiten, bestimmt schon seit dem Sechs-Tage-Krieg 1967, vielleicht sind sie nun müde geworden. Und: Ihr vergleicht zwar das Schicksal der Palästinenser mit dem der Kurden, aber im Gezi-Park seid ihr nicht wegen der Kurden, sondern wegen eurer Freiheit!

Der Rest der Fahrt über den Bosporus bis zum Gezi-Park vergeht schweigend.

Haifa, Mitte Juni 2013 (Wasserschaden)

Ankunft in Tel Aviv. Würde mein Großvater noch leben, würde ich ihm erzählen, dass ich in einem Stadion in Israel Fußball spielen werde, mein Großvater war im Krieg Waffenmeister.

Vor einiger Zeit hatten wir die israelische Autorennationalmannschaft nach Berlin eingeladen, wir spielten auf dem Olympiagelände, und die israelische Hymne erklang genau da, wo Hitler 1936 seine Spiele ausrichtete. Einige der Israelis, deren Großeltern in Deutschland ermordet wurden, weinten während der Hymnen.

Im Bus vom Flughafen Ben Gurion nach Haifa fragt mich einer der israelischen Autoren, warum ich denn so viel zu den türkischen Protesten im Gezi-Park gepostet habe. Ich erkläre, dass ich normalerweise nie etwas poste, aber diesmal erscheine mir das sehr wichtig, außerdem habe ich mich in eine Türkin verliebt.