Schnell ist man ja beim überstrapazierten Begriff Leerstelle, wenn es um J. D. Salinger geht. Immerhin hat der Autor des Welterfolgs Der Fänger im Roggen sein Leben als solch eine Leerstelle verbracht, nachdem er sich auf dem Höhepunkt seines Ruhms 1953 aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte: zuerst keine Interviews mehr, dann keine neuen Texte, nichts – dafür jede Menge Raum für Projektionen von außen, bis zu seinem Tod 2010. Jetzt, fünf Jahre danach, erscheinen plötzlich auf Deutsch drei neue Kurzgeschichten von ihm, dazu gleichzeitig drei Bücher über ihn.

Eine neue Salinger-Welle also, hinter der sich jedoch weit mehr verbirgt als bloß weiteres Projektionsmaterial, um eine immer noch mysteriöse Biografie zu füllen. Denn es geht letztlich um eine ungleich größere Leerstelle, um die Salingers Werk von jeher kreiste: die Jugend. Schon immer waren die jungen Leute das Objekt endloser Klagen, Analysen, Prophezeiungen und Begierden. Inzwischen hat der demografische Wandel sie im Westen zu einer bedeutungsaufgeladenen Seltenheit werden lassen. Und Salinger zu ihrem Propheten. Seine allererste Kurzgeschichte aus dem Jahr 1940 trägt sie im Titel, Die jungen Leute, sie erscheint jetzt, nach 75 Jahren, auf Deutsch, in einem gleichnamigen Band zusammen mit zwei anderen frühen Texten Salingers. Die titelgebende Kurzgeschichte schildert ein Gespräch auf einer College-Party zwischen zwei dieser jungen Menschen, Edna und Bill. Beide gehören sie nur so halb dazu, weil sie zwar begehren, aber nicht begehrt werden. Und schon die Eröffnung der Szene zeigt, warum man sich immer noch so gerne von Salinger die Jugend erklären lassen will: weil er sie ernst nimmt, ohne sie zu romantisieren. "Edna weiterhin im Auge, seufzte Lucille Henderson so tief, wie ihr Kleid es erlaubte, dann zog sie ihre spärlichen Brauen hoch und spähte durch den Raum auf die lärmenden jungen Leute, die sie eingeladen hatte, damit sie den Scotch ihres Vaters wegtranken." Nachdem Edna und der genauso verloren herumsitzende Bill einander vorgestellt werden, präsentiert Salinger, gerade einmal 21 Jahre alt, bereits, was ihn als Erzähler ausmachen wird: einen dieser pointierten Dialoge, in denen die Figuren alles über sich verraten, ohne es zu wollen. "Kennst mich ja. Ich geb nur ungern meinen Senf dazu, wenn ich mir nicht sicher bin und so", sagt ausgerechnet Edna, die seit acht Seiten über alles und jeden quasselt.

Es sind gerade die angeblich naiven Figuren, deren Redeweise Salinger so exakt studiert und zugespitzt hat, dass sie die Jahrzehnte unbeschadet überdauert haben – genauso in den anderen beiden Kurzgeschichten, Geh zu Eddie von 1940, einer düster-gewalttätigen Erzählung aus dem Showbusiness, und Einmal die Woche bringt dich schon nicht um von 1944, in der ein junger Soldat sich von seiner Familie verabschiedet. Dass diese drei Geschichten überhaupt erschienen sind, ist einem Schlupfloch im amerikanischen Urheberrecht zu verdanken, das ein kleiner US-Verlag nutzte, um sie 2014 herauszugeben. Salinger hat sich nach seiner letzten Publikation im Jahr 1965 gegen jede Neuveröffentlichung alter Geschichten mit Händen, Füßen und Anwälten gewehrt. Jetzt allerdings könnte Die jungen Leute nur ein Vorgeplänkel sein zu dem, was alles noch kommt – Salinger hat angeblich bestimmt, dass von 2015 an bis ins Jahr 2020 viele seiner bisher unveröffentlichten Texte publiziert werden sollen. Das zumindest berichten David Shields und Shane Salerno in Salinger – ein Leben, dem mehr als 800 Seiten dicken Begleitbuch zu ihrer Filmdokumentation. Das Buch ist eine im Drehbuchstil verfasste Collage aus ganz unterschiedlichen Stimmen, von alten Armeekameraden bis hin zur Frau, die Salinger zu Für Esmé mit Liebe und Unrat inspiriert hat. Aber je unstrukturierter diese Biografie wirkt, desto mehr regt sie die Fantasie der Salinger-Verehrer an – zum Beispiel der Abschnitt darüber, wie fasziniert und gleichzeitig abgestoßen der junge Salinger von der High-Society-Welt seiner ersten großen Liebe Oona O’Neill war.

Der französische Popliterat Frédéric Beigbeder hat in seinem Buch Salinger & Oona die Liebesgeschichte zwischen Salinger und Oona nacherzählt, Tochter des Literaturnobelpreisträgers Eugene O’Neill und damals das heißeste Mädchen in New York. Salinger ist magisch angezogen von Oonas verschwenderischem, sorglosem Umgang mit ihrer Jugend. Beigbeders Buch wird am interessantesten, wenn er in dieser Faszination eine Antwort auf die Frage sucht, warum Salingers Werk heute immer noch brisant ist – dass dem so ist, daran zweifelt Beigbeder nicht. Salinger sei der Autor, der die gegenwärtige Welt am treffendsten, und zwar als in zwei Lager geteilt, beschrieben hat. Auf der einen Seite gibt es die Langweiler, "die das kapitalistische System hinnehmen, wie es ist", und "auf der anderen Seite die unreifen Jugendlichen (...), die gegen die Konsumgesellschaft zu protestieren glauben, in Wirklichkeit aber die westlichen Länder dazu getrieben haben, sich die letzten sechzig Jahre über zu verschulden". Beigbeder würde zwischen der Party aus Die jungen Leute und der von gestern Abend wohl nur einen Unterschied machen: Heute trinken die jungen Leute nicht den Scotch der Väter weg, sondern Gin Tonic, den sie vom überwiesenen Geld der Eltern gekauft haben. "Wir leben jetzt", schreibt Beigbeder, "in der salingerschen Ära der hochmütigen Unentschlossenheit, des mittellosen Luxus, der nostalgischen Gegenwart, des Konformismus der hoch verschuldeten Revolte."

Wem Beigbeders Ansichten zu zynisch sind, der findet eine alternative Interpretation der großen Salinger-Jugend-Leerstelle in Joanna Rakoffs biografischem Roman Lieber Mr. Salinger. Rakoff sucht Ende der Neunziger nach ihrem Studium einen Einstieg in die Literaturwelt und fängt als Assistentin in jener Literaturagentur an, die auch Salinger betreut. Illusionslos beschreibt sie ihr Twen-Milieu in New York – später hätte man es wohl "Generation Praktikum" genannt: Die Kleidung "erstanden von Eltern in gepflegten Vororten, denn unsere Gehälter waren so niedrig, dass sie kaum für die Miete reichten, geschweige denn für ein Mittagessen im Umkreis unserer Büros". Ihre Freunde in Brooklyn sind Salonmarxisten, die das Geld der reichen Eltern für Drogen ausgeben und an ihren großen Romanen schreiben. Rakoff selbst hat Salinger bisher nicht gelesen; ihre Arbeit in der Agentur, die kurzen Telefongespräche mit dem Autor und all die Salinger-Fanpost bringen sie erst dazu. An einem Wochenende liest sie also den Fänger im Roggen, Neun Erzählungen und Franny und Zooey – ein Erweckungserlebnis. Vor allem die Figur der Franny gibt Rakoff endlich die Stärke, um die Misere ihrer Brooklyn-Praktikanten-angehende-Schriftsteller-Mischpoke in aller Deutlichkeit zu erkennen und dann aus ihr auszubrechen.

Dass sich Salinger immer noch so gegensätzlich deuten lässt, gleichzeitig Schutzheiliger und Feind der pseudorebellischen Jugend, das muss daran liegen, dass er tatsächlich selbst ein Jugendlicher blieb – einer dieser jungen Leute, bei denen man nie weiß, was man von ihnen halten soll. "Ich habe Angst vor dem langen Leben, das vor uns liegt, ich weiß nicht, was ich daraus machen soll", sagt Oona in Beigbeders Roman zu Salinger. "Es kommt mir vor, als stünde ich vor einem Abgrund." Und an so einem Abgrund steht es sich natürlich besser mit einem Scotch in der Hand, wer auch immer ihn zahlt.