Man kann sich ja raushalten. Man fährt einfach niemals zu Buchmessen und lässt sich auch sonst in der Öffentlichkeit nicht blicken. Man macht keine Lesungen, gibt keine Interviews und beauftragt die Pressestelle des Verlages, diesbezügliche Anfragen strikt abzuwehren. Theoretisch geht das. Botho Strauß verfährt seit Jahren so. Unter den deutschsprachigen Schriftstellern ist er der konsequenteste Raushalter. Dies allerdings wird in jeder Kritik auch notorisch vermerkt. Wenn der Name Botho Strauß fällt, ist der Hinweis auf sein unsichtbares Eremitenleben in der Uckermark nicht weit. Seine Person dient, nicht anders als die präsenterer und redseligerer Kollegen, als Begleitkommentar seiner Bücher. Dem wachsenden Bedürfnis des Publikums und des Marktes, den schreibenden Menschen, dessen Bücher gelesen und verkauft werden wollen, zu erleben oder wenigstens durch Bilder, Legenden und kolportierte Anekdoten zu kennen, kann ein Autor letzten Endes nicht entkommen. Unter den Bedingungen moderner Literaturrezeption ist Raushalten praktisch nicht möglich. Viele Autoren haben damit kein Problem. Manche aber schon – und wie es aussieht, auch der Schriftsteller Jan Brandt, Jahrgang 1974.

In diesen Tagen erscheint sein neues Buch mit dem etwas volltönenden Titel Tod in Turin. Aber Jan Brandt wird darüber nicht sprechen, und er wird öffentlich nicht daraus lesen. Er hält sich raus. Besser gesagt: Er demonstriert den Bumerangeffekt des Raushaltens. Im Vorschauprospekt seines Verlages, des Kölner DuMont Verlages, ist unübersehbar zu lesen, dass der Autor "für Interviews und Lesungen NICHT zur Verfügung" steht. Er schweigt also. Das aber, könnte man sagen, recht geräuschvoll. Denn die Vorschau widmet dem Mann darüber hinaus eine ganze Seite mit Aussagen von Verlagsmitarbeitern, die ihren Autor zur anstrengendsten Dichterdiva unter der Sonne, zum kompliziertesten und nervtötendsten Vertreter seines Berufsstandes stilisieren. ("Ich war echt froh, als er dann endlich auf Lesereise ging und nicht mehr ständig bei uns im Verlag rumhing", "Er hat Dinge von mir verlangt, die sich mit keinem Layoutprogramm der Welt umsetzen lassen", "Sonst schütze ich unsere Autoren vor den Journalisten. Bei Jan Brandt ist es umgekehrt" und so weiter.)

Man kann das als ironisch-provokante Formulierung des Unbehagens eines Schriftstellers sehen, der sehr genau, wenn auch ein wenig schrill, seine Rolle als Ware auf dem Markt geistiger Güter durchdenkt. Ebendarum geht es in Tod in Turin. Um eine Kritik kapitalistischer Strukturen am Beispiel des Literaturbetriebs, anlässlich einer dreitägigen Reise zur Turiner Buchmesse, wo Jan Brandt im Jahr 2014 seinen gerade ins Italienische übersetzten Roman Gegen die Welt vorstellte – und unter Einsatz persönlicher Präsenz bewarb.

Vor vier Jahren debütierte Brandt mit dem fast 1.000 Seiten starken Ziegel. Ein Panorama-Roman über eine ostfriesische Dorfgesellschaft in den achtziger Jahren. Das Buch war auf Anhieb ein ziemlicher Erfolg. Es kam auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises und auf die Bestsellerliste. Der Verfasser gab reihenweise Interviews, absolvierte ein dickes Pensum an Auftritten und Lesungen (um die sechzig), reiste ein paar Monate lang durch die Republik und prägte sich der literarischen Öffentlichkeit als eigenwillige, mitunter etwas exzentrische Figur ein. Auch das Geschäft mit Auslandslizenzen ließ sich erfreulich an. Unter anderem erschien Contro il mondo Anfang 2014 beim Mailänder Verlag Bompiani. Der renommierte italienische Schriftsteller Mario Fortunato schrieb in einer Rezension, den Namen Jan Brandt müsse man sich als eines der größeren Versprechen in der Liga internationaler Literatur merken.

Jan Brandt flog also zur Buchmesse nach Turin. Ein sympathischer Fahrer holte ihn am Flughafen ab und lud ihn am Hotel wieder aus. Jan Brandt machte eine Lesung und redete vor Buchmessepublikum mit Mario Fortunato, er speiste abends vorzüglich im Kreis von Verlagsleuten und Schriftstellern und wurde von der Pressechefin von Bompiani zu Interviews ins Hotelfoyer bestellt, um italienischen Journalisten, denen die Zeit gefehlt hatte, die 1.000 Seiten von Contro il mondo zu lesen, Interviews zu geben. Business as usual. Stoff für eine Erzählung oder eine Reportage in der Tradition der Italienreisen deutscher Künstler. Allerdings wirkt Brandts Italienbericht, zumindest auf den ersten Blick, wie eine Ansammlung von Erlebnissen eher banaler Natur. Wie das Selbstporträt eines Autors, den die weltbewegende Frage quält, ob er sich raushalten oder mitmachen soll im Literaturbetriebszirkus. Wenn alle Autoren all ihren Romanen Bücher über das kommerzielle Schicksal dieser Romane folgen ließen, würde der Buchmarkt endgültig explodieren.

Aber so banal oder eitel ist Tod in Turin auf den zweiten Blick keineswegs. Sein analytischer Kern enthüllt sich in Brandts Beschreibung des Turiner Edelsupermarktes Eataly. Es handelt sich um eine von 27 über den Globus verstreuten Filialen eines Feinkostunternehmens, das Lebensmittel auf Gourmet-Niveau und auf jene Weise anbietet, die Konsum zum kulturellen Erlebnis adelt. Ist eine Buchmesse strukturell etwas anderes als ein Eataly-Tempel? Und die performative Vermittlung von Literatur grundsätzlich verschieden vom Erlebniskonsum hochwertiger Öle und exotischer Gewürze? Und der erlebbare Dichter selbst auch nur eine Art Gourmet-Ware? Zweifellos haben solche Fragen einen idiosynkratischen Beigeschmack. Aber sie zielen ins Zentrum des Verhältnisses von Kunst, Gesellschaft und Markt im Spätkapitalismus.

Aus drei Tagen Turin macht Jan Brandt einen minimalistischen, ausufernden Bericht. Seine protokollarische Leidenschaft für Details und Fakten, die die Leser schon in Gegen die Welt kennenlernen durften, ist nach wie vor ungebremst. Tod in Turin enthält zahllose, oft ellenlange Fußnoten zu allem und jedem. Alles, was der Dichter an einem Wochenende in Turin sah, hörte und erlebte, mit wem er sprach und wen er kennenlernte, was er in der Minibar seines Hotelzimmers vorfand und in Mikrofone sprach, wohin ihn seine Stadtspaziergänge führten, wie viele Laufrunden er auf dem Dach des Gebäudekomplexes von Fiat zurücklegte, schlichtweg alles schütten Gedächtnis und Notizzettel aus. Und alles in diesem Buch und um das Buch herum ist ein bisschen übertrieben: der Text überausführlich, die Haltung des Autors überempfindlich, die Analyse überspitzt, das Schriftsteller-Ego überstilisiert.

Genau darin dürfte auch Brandts Intention liegen. In Tod in Turin erzählt er genau genommen von der Schieflage, in die ein Schriftsteller geraten kann, wenn er nicht nur die Herstellung von Literatur bewältigt, sondern sich auch ihrer Vermarktung persönlich zur Verfügung stellt. Als Hersteller wird ihm die Ökonomie der Übertreibung abverlangt. Denn nichts anderes ist Literatur von ihrem Wesen her. Sie entsteht aus dem unökonomischen Haushalten mit Wahrnehmungen, Worten und Gedanken, mit Einbildungskraft, Erinnerungsleistung und Zeit. Als Handelsvertreter seines Produkts muss sich ein Schriftsteller auf das Gegenprinzip einstellen: flott denken und reden, unnötige Wahrnehmungen ausschalten, Fragen leicht und schnell beantworten. Wie gesagt: Viele Autoren haben damit kein Problem. Aber einige verspüren ein zunehmendes Unbehagen, und Jan Brandt hat es auf den Punkt gebracht.