Vorzustellen sind zwei Musiker vom Rande des Jazz, die jetzt in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken. Man darf doch Israel als Rand bezeichnen? Natürlich hat man auch dort, am asiatischen Ufer des Mittelmeers, immer Jazz gehört, allerdings meist aus Geräten, weshalb der Bassist Omer Avital sein Land verließ, kaum dass er erwachsen war.

"Ich musste weg, um mir meinen Traum zu erfüllen", erinnert er sich. "Ich wollte Freddie Hubbard und Johnny Griffin auf der Bühne sehen. Amerika war der heilige Ort, und ich war 20." An einem Tag im Januar 1992 kam er in New York an. "Der große Moment in meinem Leben. Alles oder nichts. Kein Blick zurück." Er spielte in kleinen Clubs, schlug sich mit Hilfsarbeiten durch. Die Tellerwäscher-Geschichte. "Zum Glück war ich gut genug."

Um das Jahr 2000 herum folgte ihm Avishai Cohen, der sieben Jahre jüngere Trompeter. Von Stund an spielten sie zusammen, und heute geben sie Amerikas Jazz neue Impulse, indem sie all das, was sie zwischen Orient und Okzident gehört haben, in ihre Musik einfließen lassen.

New Song heißt die neunte Platte von Omer Avital, ein Quintett mit Saxofon, Piano, Bass und Schlagzeug und Avishai Cohen an der Trompete. Die Namen der Kompositionen verraten, wohin die Reise geht: Hafla, Tsfadina, Avishkes, Sabah El-Kheir, New Middle East, Maroc, Bedouin Roots, Yemen Suite.

Über arabisch inspirierten Rhythmen entfalten sich strahlend schöne Melodien, die, ohne je billig zu werden, ihre Wirkung aufs Gemüt nicht verfehlen. Samtene Bläsersätze, pointierte Dramaturgien, perfekte Schlüsse. Handwerklich wie ästhetisch aus einem Guss und dazu mit jenem Quäntchen Entertainment-Genialität versehen, das sie aus der Masse heraushebt.

Wie bei fast allem, was heute erscheint, lässt sich nicht sagen, so etwas habe man noch nie gehört. Aber auch die Anklänge sind vom Besten. John Zorns Bar Kokhba aus den Neunzigern klingt verwandt, wenn auch um einiges trauriger. Der Amerikaner Zach Condon, bekannt als Beirut, entfaltet auf seinem Gulag Orkestar eine ähnlich hypnotische Stimmung – allerdings spielt sein 2005 in Albuquerque aufgenommenes Album auf einem virtuellen Balkan, auf dem die Melancholie das Wort führt. Selbst Chick Corea aus seiner spanisch-mexikanischen Phase mag einem noch einfallen, obschon man nach einem Vergleich gar nicht mehr sagen kann, warum eigentlich.

Allen Vorgängern voraus hat Omer Avital die entspannt gute Laune. Das Blau seiner Musik ist mediterran und führt die täglichen Schreckensmeldungen aus dem Nahen Osten ad absurdum.

Zur Welt kam er 1971 in Giw’atajim bei Tel Aviv als Enkel jüdischer Immigranten aus Marokko und dem Jemen. Sein Vater liebte den Swing wie seine Mutter; beim Tanzen lernten sie sich kennen. So wuchs der Junge mit vielerlei Musiken auf. In der Schule erwartete ihn die europäische Klassik. "Johannes Brahms ist mein Lieblingskomponist", sagt Omer Avital, zu Hause in Brooklyn vor der Webcam sitzend, mir in der Brahms-Stadt Hamburg über Skype zugeschaltet. Auf dem Schirm ein bärtiger Wuschelkopf im Halbdunkel – das ist er also.

Ich hatte gehofft, ihn auf der Bühne zu sehen, jetzt, mit seinem Freund, dem Trompeter. Denn Avishai Cohen, der auf sieben Alben Omer Avitals zu hören ist, hat seinerseits Avital in sein Trio Triveni geholt und mit ihm drei Platten gemacht. Die jüngste, Dark Nights (besprochen in ZEIT Nr. 44/14) , stellt Cohen gerade auf einer Tour durch Europa vor.


Aber Avishai ist ohne Omer unterwegs. In gewisser Weise hat der Erfolg sie entzweit. Eine eigene Band zu leiten und zugleich in der Band eines anderen mitzuspielen, der seinerseits in der eigenen Band mitspielt – das kann schon bei den Terminen Probleme geben. So tourt Avishai Cohen mit einem Ersatzmann am Bass.