Eine Komposition ist Material, dem man sich immer wieder aus unterschiedlichen Perspektiven nähern kann. Das ist eine der wichtigsten Ideen des Jazz. Don Cherry spitzt sie zu, als er im Januar 1977 nach Stockholm fliegt, um ein Konzert im Moderna Museet zu spielen. Im Gepäck hat er ein Tonband mit seinem Album Hear & Now, welches wenige Wochen später bei Atlantic Records erscheinen soll. Ein ungewohnt poppiges Werk, aufgenommen mit den Jazzrock-Granden Michael Brecker und Marcus Miller, glatt produziert. Seine Fans wird es verstören: Verrat am Free Jazz!

Die hitzige Diskussion darüber ist noch nicht entbrannt, da interpretiert Cherry das Album mit einer Horde verspulter Hippies schon um, lässt es vollkommen anders klingen. Die Konzertaufnahme unter dem Namen Modern Art, die jetzt erstmals auf Vinyl und CD erschienen ist, klingt wie eine versunkene Meditation. Jazzrock im Batiktuch statt in glänzender Folie. Es blubbern die Tablas. Es tönt ein Instrumentarium, das man bis dahin nur im Völkerkundemuseum bestaunen konnte.

Wenn einer das Konzert im Westen hält, dann ist es Georg "Jojje" Wadenius, der schwedische Gitarrist der weltberühmten Band Blood Sweat & Tears. Don Cherry hat ihn im Flieger nach Stockholm kennengelernt und spontan engagiert. Wenige Tage später stehen sie gemeinsam auf der Bühne. Wadenius’ Gitarre schwebt über dem Geschehen und setzt rhythmische Akzente. Aber auf solch ein Detail kommt es bei dieser Aufnahme gar nicht an. Es ist die Grundstimmung – sie lädt zum Abschweifen ein. Während Cherry und seine acht Musiker indische Ragas mit afroamerikanischen Spirituals mischen und das Publikum zum Mitklatschen animieren, entsteht ein wohliges Gefühl von Gemeinschaft.

Es wird ein durch und durch freundliches Konzert, das jedem offenzustehen scheint. Das ist Don Cherry. Sein Œuvre erzählt von der Grenzenlosigkeit der Musik. Seine Klangforschungen sind von Neugier geprägt, nicht vom Schwelgen im Exotischen. Heute wird oft von Weltmusik gesprochen. Aber das ist ein Begriff aus der Perspektive des Westens. Don Cherrys transzendentaler Hippie-Jazzrock kommt ganz gut ohne ihn aus.

Don Cherry: Modern Art (Mellotronen; CD/LP)