Rote Haare finden sich bei nur ein bis zwei Prozent der Weltbevölkerung, aber gefühlt auf dem Kopf jeder zweiten Kinder- und Jugendbuchheldin der letzten hundert Jahre: von Anne auf Green Gables über die Rote Zora bis zu Pippi Langstrumpf und der feuerroten Friederike. Wenn also mit der sechzehnjährigen Eleanor aus Omaha, Nebraska, wieder eine rothaarige Außenseiterin um unsere Aufmerksamkeit wirbt, muss sie sich die erst mal verdienen. Wobei Eleanor auch ohne ihre roten Haare eine Erscheinung wäre, mit ihren Federn im Haar, den abgerissenen Männerklamotten und einigen Kilo Speck auf den Rippen.

Eleanor wechselt an eine neue Schule, und als sie am ersten Tag morgens in den Bus steigt, will niemand neben ihr sitzen. Einer erbarmt sich schließlich: Park, der Halbkoreaner mit dem smarten Musikgeschmack und den stylishen Shirts. Eleanor sieht für ihn aus wie "etwas, das in der Wildnis nicht überleben würde".

So nebeneinander gelandet, kommen sich die "rote Bombe" (die anderen über Eleanor) und der "blöde kleine Asiate" (Eleanor über Park) auf der täglichen Busfahrt näher. Das unfreundliche Schweigen wird freundlicher, bald lesen sie zusammen X-Men- Comics und tauschen Mixtapes. In den melancholischen Sound, den die Songs der Smiths und von The Cure über den im Jahr 1986 angesiedelten Roman legen, lässt sich übrigens am besten mit den Spotify-Playlists eintauchen, die die amerikanische Autorin Rainbow Rowell dafür ins Netz gestellt hat, ordentlich sortiert in "Eleanor, Side A" und "Park, Side B".

Ähnlich geordnet nimmt auch der Roman seinen Lauf, mit den für eine Liebesgeschichte unentbehrlichen Konflikten und Missverständnissen: Park prügelt sich blutig für Eleanor, Eleanor überlässt ihm zuliebe ihre rote Haarpracht den Händen und dem Shampoo seiner Mutter, beide kriegen für ihre Liebe jede Menge Ärger.

Besonders an Eleanor & Park ist nicht der Gang der Handlung, sondern die Beschreibung der machtvollen körperlichen Anziehungskraft zwischen den Jugendlichen. Sie erwacht an einem frühen Morgen im Bus, als Park es zum ersten Mal wagt, seine Finger in Eleanors Hand gleiten zu lassen: "Eleanors Hand zu halten war, als würde man einen Schmetterling halten. Oder einen Herzschlag. Als würde man etwas Vollkommenes oder vollkommen Lebendiges halten. Sobald er sie berührte, fragte er sich, wie er es so lange ohne das ausgehalten hatte."

Mit köstlicher Langsamkeit und ohne Beschämung entfaltet sich das Begehren der beiden Sechzehnjährigen, die zur Überwältigung nicht mehr brauchen als die Berührung des anderen und die Möglichkeit, jede neue Empfindung in Worte zu fassen. Ihre körperliche und seelische Nähe umhüllt Eleanor und Park wie eine wärmende Decke und wird für beide überlebenswichtig. Sie schützt Eleanor vor ihrer White-Trash-Familie, in der sie zwischen dem tyrannischen Stiefvater und der hilflosen Mutter im Wortsinn keinen Platz hat. Sie bietet aber auch Park eine Zuflucht, der in seiner liebenswerten Mittelstandsfamilie auf ganz andere Weise einsam ist.

Durch Parks Begehren lernt Eleanor, ihren üppigen weißen Körper zu mögen. Durch Eleanors Eigensinn lernt Park, zu sich selbst zu stehen. Auch wenn das bedeutet, dass er seinem muskelbepackten und kriegserfahrenen Vater morgens mit einem ziemlich androgynen New-Wave-Lidstrich gegenübertreten muss.

Wenn am Ende des Romans Eleanor mit Parks Hilfe endgültig vor ihrem gewalttätigen Stiefvater flieht, haben beide durch ihre Liebe so weit zu sich gefunden, dass sie auch ohne einander überleben könnten. Ob sie das müssen, lässt Rainbow Rowell offen. Zum Glück! Denn so können wir hoffen, dass Park nicht auf Eleanor verzichten muss – auf dieses eigenständige und empfindsame Mädchen, das unverwechselbar ist in der langen Reihe rothaariger Heldinnen.