DIE ZEIT: Herr Agnelli, was war Ihr erstes Erlebnis mit Juventus?

Andrea Agnelli: Im Sommer 1982 war ich sechs Jahre alt, und mein Vater Umberto hatte mich ins Trainingszentrum mitgenommen. Später wurde ich auch zum Mittagessen mit der Mannschaft eingeladen. Man fragte mich, neben wem ich sitzen wolle. Ich wünschte mir Paolo Rossi.

ZEIT: Den Torschützenkönig des italienischen Weltmeisterteams von 1982, der drei Tore gegen Brasilien geschossen hat und eines im Finale gegen Deutschland.

Agnelli: Rossi war damals unser Spieler, einer von sechs Weltmeistern im Team. Außerdem war der heutige Uefa-Präsident Michel Platini gerade zur Mannschaft gestoßen. Ich saß also während des Mittagessens neben Rossi und brachte vor lauter Aufregung keinen Ton heraus. Aber ich erinnere mich heute noch an mein Glücksgefühl.

ZEIT: Paolo Rossi war ein Angestellter Ihrer Familie, der Juventus seit 1923 gehört.

Agnelli: Das ist unser Weltrekord. Kein anderer Sportclub ist so lange im Besitz einer Familie. Die Agnellis kauften den 1897 gegründeten Verein Juventus, um den Arbeitern ihrer Automobilfabrik Fiat am Sonntag ein Vergnügen zu bieten. Durch die Verbindung mit Fiat wurde Juventus der Club mit den meisten Anhängern in Italien, im Norden wie im Süden.

ZEIT: Haben Sie eigentlich Verwandte, die sich nicht für Fußball interessieren?

Agnelli: Nicht nur das. Es gibt auch Mitglieder unserer wirklich riesigen Familie, die Freunde anderer Mannschaften sind. Über 13 Millionen Italiener sind Juventus-Fans, also praktisch jeder vierte. Ich schätze mal, dass wir Agnellis ein bisschen über dem statistischen Durchschnitt liegen.

ZEIT: Sie sind der vierte Agnelli im Präsidentenamt des Vereins, nach Ihrem Großvater, Ihrem Onkel und Ihrem Vater. Wird man als Agnelli automatisch Juventus-Chef?

Agnelli: Von wegen. Heute ist der Fußball derart komplex geworden, dass man für die Führung eines großen Clubs eine gewisse Kompetenz mitbringen muss. Es reicht nicht mehr aus, als Patron sein Steckenpferd zu pflegen. Als mein Onkel und später mein Vater Juventus-Präsident wurden, arbeiteten hier sieben, acht Personen, die sich quasi nur um die Mannschaft kümmern mussten. Heute haben wir inklusive Spielern und Trainer 400 Mitarbeiter. Schließlich verwalten wir Einnahmen von gut 300 Millionen Euro. Als wir uns 2010 in der Familie zusammengesetzt haben, um über die Zukunft von Juventus zu beraten, fiel die Wahl deshalb auf mich, weil ich Erfahrungen im Sportmanagement vorweisen konnte.

ZEIT: Sie wurden Präsident in Krisenzeiten. Juventus hatte 2006 eine tiefe Zäsur erlebt. Das Management wurde wegen Schiedsrichtermanipulationen angeklagt, die Meistertitel von 2005 und 2006 wurden aberkannt, die Mannschaft musste mit drei Weltmeistern im Team in die Zweite Liga absteigen. Seither sind Sie mit dem Wiederaufbau des Clubs beschäftigt. Warum beharren Sie auch auf der Rehabilitierung?

Agnelli: Rehabilitierung ist nicht das richtige Wort. Wir haben das Urteil des Sportgerichtes akzeptiert. Dieses Urteil kam damals allerdings recht schnell zustande, innerhalb eines Monats. Inzwischen gibt es neue Erkenntnisse, die seinerzeit nicht berücksichtigt werden konnten.

ZEIT: Juventus verlangt vom Verband eine Entschädigung von 443 Millionen Euro.

Agnelli: Die Klage haben wir vor drei Jahren eingereicht. Die Summe kommt zustande, weil wir aufgrund des Sportgerichtsurteils zwei Jahre lang nicht in der Champions League antreten konnten und auf entsprechende Einnahmen verzichten mussten. Hinzu kommen Einbußen beim Verkauf von Tickets und Fernsehrechten der Serie A. Wir warten darauf, dass das Verfahren eröffnet wird.

ZEIT: Wie haben Sie Juventus wieder nach vorn gebracht?

Agnelli: Ich habe das gesamte Management ausgetauscht. Nur Kompetenz zählt. Fußball ist immer noch ein besonderes Geschäft. Unser Produkt sind Tore, keine Schrauben, das macht einen Unterschied. Mir hilft, dass ich von Kindesbeinen an auch diese Unwägbarkeiten kenne. Das führt unter anderem aber auch dazu, dass ich ziemlich unsentimental bin. Ich muss schließlich den Erfolg der Firma garantieren. Der hängt natürlich nicht nur von den Spielern ab, auch wenn die sportliche Abteilung die tragende Säule ist.