Im Schwarm herumfliegen, laut "Guten Morgen!" in die Welt zwitschern und manchmal quiekend vor einem Ungeheuer flüchten: Das Leben bei den Finken ist so lärmig wie langweilig. Denn bei allem Geflatter und Geschnatter ist für eines nie Raum: fürs Denken. Und somit gibt es auch keinen Ausweg aus den immer gleichen Routinen. Bis ein Fink eines Nachts "im Dunkeln und Stillen" die Augen aufschlägt. Dieser eine Vogel "hatte einen Gedanken und er hörte ihn". Henry Fink denkt, dass er Henry Fink ist – was banal klingt und doch Bahnbrechendes bedeutet. Denn erst durchs Denken wird er für sich selbst zum Selbst.

Aber wie es so ist mit aller Erkenntnis, folgt ihr schnell zunächst Größenwahn und Arroganz, "Ich bin genial!", und bald darauf der Fall: Der denkende Piepmatz überschätzt sich nämlich so maßlos, dass er dem Ungeheuer nicht wie gewohnt ausweicht, sondern gefressen wird. Also lieber doch nicht denken und stattdessen angepasst im Schwarm mitflattern? Mitnichten ist das die Moral dieser Geschichte. Wie Henry Fink sich kraft seines Hirns aus dem Bauch des Ungeheuers befreit, ist zwar etwas abenteuerlich. Doch sein Denkvirus überträgt er nicht nur auf das Ungeheuer, das aus vermeintlich innerer Überzeugung schwört, Vegetarier zu werden, sondern auch auf den Finkenschwarm, der sich am Schluss in auseinanderfliegende Individuen verwandelt.

Eine Geschichte der Aufklärung für ganz junge Leser hat der Brite Alexis Deacon hier erdacht. Dass Viviane Schwarz den Vögeln dazu Fingerabdrücke als Körper gibt, ist so verspielt wie überzeugend. Wie aus den roten Abdrücken mit wenigen Linien ein wuselnder Finkenschwarm und ein bedröppelt dreinschauender Flattermann werden, ist so pointiert, anrührend und unterhaltsam, da verzeiht man der Illustratorin gern, dass sie stilistisch und grafisch auf den paar Seiten ziemlich viel zusammenrührt.

Alexis Deacon/Viviane Schwarz: Ich bin Henry Fink. Aus dem Englischen von U.-M. Gutzschhahn; Gerstenberg Verlag 2015; 40 S., 12,95 €; ab 5 Jahren.