Hier scheint in der Tat zusammenzukommen, was gegen alle Zeitläufte zusammengehört. Ein zeitgenössischer amerikanischer Komponist, der die Musik des Abendlandes auf seine halb sibyllinisch-minimalistische, halb kulinarische Weise von ihren Hierarchien befreit hat und dafür keineswegs nur Lob und Ehre geerntet hat – und eine ukrainische Pianistin, die sich ihren ganz eigenen Weg ins Rampenlicht gebahnt hat, als blondes YouTube-Girlie mit erstaunlichen Klickraten, mit Zurufkonzerten via Facebook und Twitter ("Für Elise!" – "Mondscheinsonate!") und anderen nicht eben unschlauen, aber schnell als halbseiden geltenden Selbstvermarktungsstrategien. Valentina Lisitsa und Philip Glass, die Kombination wirkt, als machten zwei vom klassischen Musikbetrieb versenkte U-Boote gemeinsam Front gegen all die vornehm gerümpften Nasen und Hüter des Oberwassers.

Nun hat Glass so richtig viel für Klavier solo nicht geschrieben. Macht nichts, sagt Lisitsa, dann wird eben arrangiert, hauptsächlich aus dem Soundtrack zu dem Kino-Erfolg The Hours, aber auch Glass’ Olympia-Hymne Lightning of the Torch von 1984 oder Teile aus Glassworks funktionieren gut zu zwei Händen. Eine Musik, die ganz aufs Repetitive setzt, auf Struktur, Gewebe, Sog, ist sich selbst Farbe und Instrumentation genug. In den besten Momenten (wie in dem halbstündigen, ambitionierten Solostück How Now) klingt das wie eine ferne Abstraktion von Schuberts Impromptus, nur dass Glass ins Ostinato vernarrt ist und partout nicht in den Gesang, die Melodie. Und in den schlechteren Momenten klingt es leider nach Richard Clayderman.

Das liegt auch daran, dass Valentina Lisitsa sich wahnsinnig viel Mühe gibt, wahnsinnig viel Ausdruck in diese Musik zu legen. Was aus nadelfeiner Präzision und cooler Beiläufigkeit seine Kraft schöpfen müsste, gerät ihr doch allzu romantisch. Da donnert die russische Schule einmal quer über den US-amerikanischen Kontinent. Als wollte Lisitsa ihren Kritikern, die nicht glauben wollen, dass sie eine ernst zu nehmende Pianistin ist, um jeden Preis beweisen, dass sie es ist. Hat sie das nötig?

Valentina Lisitsa plays Philip Glass (Decca)