Inmitten gewaltiger Landschaften Russlands, an der Küste der Barentssee, erhebt sich ein Mensch gegen das Unrecht. Nikolaj, dem Alkohol verfallen, besitzt ein Haus, er hat es selbst gebaut. Hier, in diesem rauen Landstrich hoch oben im Nordwesten, haben seine Vorfahren gelebt. Dieses Haus ist Heimat, es ist Erinnerung, und nun will es ihm der korrupte Bürgermeister des Städtchens wegnehmen, weil er mit dem Grundstück Größeres vorhat.

Was der eine mit brutalen Methoden erstrebt, versucht ein anderer mit den Mitteln des Rechts zu verteidigen: Nikolajs Freund Dmitrij, ein Anwalt aus Moskau, glaubt mit großer Überzeugung an das Faktische. Vor Gericht aber erfährt er, dass in dieser Provinz Gesetze nichts zählen und Gerichte gekauft sind. Nikolaj verliert sein Haus, es beginnt ein Leidensweg, der an das Schicksal Hiobs erinnert.

Leviathan hat der russische Regisseur Andrej Swjaginzew diesen faszinierenden Film genannt, wie die allmächtige Instanz bei Thomas Hobbes, die den Zustand der Anarchie zwischen den Menschen beenden soll. Er habe auch überlegt, den Film Geld zu nennen, sagt Swjaginzew im Gespräch mit der ZEIT, oder Der Einfall der Barbaren, doch beide Titel seien schon vergeben. Und Hiob? "Nein, das wäre zu plump gewesen", sagt Swjaginzew. "Dieser Film sollte nach dem Herrschenden benannt werden, nicht nach dem Beherrschten." In Leviathan gibt es für Nikolaj keinen Glauben, keine Erlösung, keine Gnade Gottes, sondern nur Knast.

Die Idee zu diesem Film, so Swjaginzew, kam ihm vor einigen Jahren. Während er in New York war, erzählte ihm seine Übersetzerin die Geschichte von Marvin Heemeyer, der mit einem Bulldozer das Rathaus und das Haus des früheren Bürgermeisters seiner Stadt zerstörte, weil er sich ungerecht behandelt fühlte, und sich schließlich erschoss. Dann las Swjaginzew Kleists Novelle Michael Kohlhaas. Es gehe ihm nicht darum, das Unglück eines Mannes zu zeigen, sagt er. Die Kollision mit der Macht, die kämpferische Geste, sie faszinieren ihn. Ein Mann und ein Bulldozer, der um sein Verständnis von Gerechtigkeit kämpft. In der ersten Version des Drehbuchs sollte Nikolaj mit einem Bagger das Administrationsgebäude zerstören. In der jetzigen Fassung ist es sein eigenes Haus, das zerstört wird.

Andrej Swjaginzew ist auch jetzt wieder in Amerika, in Miami, durchatmen, wieder zu sich kommen nach dem Interviewmarathon der vergangenen Monate und all der Aufregung, die ihm unheimlich scheint. "In Russland warfen mir alle vor, vom Kulturminister bis zum letzten Blogger, dass ich eine amerikanische Geschichte auf russischen Boden verpflanzt hatte. Aber diese Geschichte ist universell", sagt Swjaginzew. "Denn Geschichten von Menschen, die unter Macht zu leiden haben, kennen keine Geografie; es gibt sie überall." Nikolajs Geschichte sollte keine über Russland sein, nicht über den Nordwesten, nicht über das Leben in der Provinz. Weil Swjaginzew aber ein russischer Regisseur ist, der nur Russisch spricht, verlegte er die Handlung in die Provinz seines Landes.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass das russische Kulturministerium einen beträchtlichen Teil des Films finanziert hat und dies nun zu bereuen scheint, obwohl der Film etliche internationale Preise gewonnen hat und für einen Oscar nominiert war. "Sie mögen meinen Film nicht, und ich mag nicht, wie sie das Land regieren", sagt Swjaginzew. "Was bleibt dem Künstler übrig? Entweder schweigen oder die Wahrheit sagen."

Es ist nicht wahr, dass dieser Film Russland verunglimpft, was so viele dem Regisseur wütend vorwarfen. Dass der Film "äußerst konjunkturbedingt" sei, wie der russische Kulturminister meint, weil Kritik an Russland im Westen so gut ankomme. Swjaginzew prangert nicht sein Land an, sondern die korrupte, weltliche Macht im Bündnis mit der geistlichen; ein Bündnis, dem gegenüber der Einzelne hilflos ist. Russland hat seine eigene Schönheit in diesem Film, aber es ist eine derbe und trostlose Schönheit: die Kirchenruine am Strand, das Lagerfeuer, um das sich betrunkene Jugendliche scharen; das tosende Meer, mit dem der Film beginnt und endet; das Skelett eines Wals, vor dem der Junge Roman sitzt und bitterlich weint, weil er allein gelassen ist mit der Brutalität dieser Welt. Die Menschen, ja, sie betrügen und betäuben sich, aber sie lieben auch, so gut, wie sie in dieser beschädigten Welt lieben können: Die schöne Lilya liebt, aber einen anderen als ihren Mann Nikolaj. Dann ist da das Paar, das sich um Nikolaj kümmert, er Polizist, ein Repräsentant der Macht, und dennoch ein Freund. Meistens, wenn sie sich treffen, besaufen sie sich besinnungslos.